Nachdem sich ihr Mann wegen einer jüngeren Frau von meiner Schwiegermutter trennte, mussten sie ihr Haus mit 18 Wohneinheiten teilen. Von da an versuchte Mutter ihre 9 Wohnungen selbst zu verwalten. Wir – meine Frau (ihre Tochter) und ich – besuchten sie regelmässig alle 4 bis 6 Wochen. Die 420 km von K. nach München waren für uns kein Hindernis, liebten wir sie doch sehr.
Mit den Jahren lernten wir München und den Süden Deutschlands kennen. Kein See, kein Ort war uns fremd. Wir halfen ihr bei der Bewältigung ihrer Aufgaben im und am Haus, Garten, Mieter, Rechnungen und Konten so gut wir konnten.
Sie wurde 78 Jahre, als wir merkten, dass sie vergesslich wurde und vieles durcheinander brachte. Beim Einkauf kostete Etwas 29 DM, sie gab der Kassiererin 300 DM. „Erwin, Du hast mein Fernseher kaputt gemacht. Er hat oben und unten schwarze Streifen.“ Oder: „Mein Fernseher hat nur 9 Programme, die Fernbedienung hat 9 Zahlen.“ Esswaren lagen in Schubladen und der Kaffee war im Kleiderschrank. Im Fernsehen lief die Serie: Ein Schloss am Wörthersee!. Sie sagte: „ Da ist es schön. Ich möchte mal hin.“ Gut, wir machten 7 Tage Urlaub und verbrachten mit ihr die Zeit in Velden, besuchten Schloss und Umgebung. Wir brauchten viele gute Nerven mit ihr. Als wir wieder in München waren, lief im Fernseher eine Folge der Serien. Wieder sagte sie: „Da ist es schön, da …“ „Mutter, wir waren gerade dort.“ Sie wusste es nicht mehr.
Wir versuchten sie zu überreden, einen Arzt aufzusuchen. Sie wehrte sich. Bei einem weiteren Besuch willigte sie nach etlichem Zögern ein. Wir bekamen einen Termin beim Prof. Alexander K. im Klinikum Rechts der Isar. Er stellte fest: Alzheimer Demenz. “Man könne sie nicht mehr allein lassen,“ meinte er, „aber Einweisen darf er nicht, das wäre Freiheitsberaubung!“. Wir mussten ein Altenheim finden, doch bis dahin mussten wir sie allein lassen, wir hatten Verpflichtungen und wir mussten ja noch arbeiten gehen. Adressen und Telefonnummer legten wir in ihre Geldbörse. Doch es half nichts. Täglich riefen wir an, einmal sie: „Gebt mir mal eure Telefonnummer, ich will Euch anrufen.“ Dann passierte es: Alle Krankenhäuser in München riefen wir an, denn telefonisch war sie nicht mehr zu erreichen. Dann eine Stimme: „Ja, das rote Kreuz hat eine ältere Dame mit weissen Haaren zu uns gebracht.“ Wir waren erleichtert und rasten nach München. Sie erkannte uns nicht. Auf der Straße ist sie gestürzt und hatte Oberschenkelhalsbruch. Sie wurde dann in die Demenzklinik nach Wasserburg verlegt. Überstürzt mussten wir unseren Urlaub einreichen, lebten 2 Wochen in ihrer Eigentumswohnung und fuhren täglich nach Wasserburg.
Wieder zu Hause telefonierten wir mit fast 40 Heimen mit Demenzabteilungen im Raum Frankfurt. Einige suchten wir auf. Alle hatten lange Wartezeiten. Dann hatten wir Glück:
In Hochheim am Main wurde gerade ein neues Altenheim mit Demenzabteilung fertig gestellt. Da Mutter Selbstzahlerin war, bekamen wir gleich einen Vertrag. Ein Taxi brachte Mutter von Wasserburg nach Hochheim. Mutter war erstaunlich ruhig und liess Alles über sich ergehen. Sie sah uns an und sagte zu meiner Frau: „ Hast Du wieder die Schule geschwänzt?“ Ihr Einzelzimmer war gut eingerichtet, einige Sachen liessen wir aus ihrer Wohnung kommen.
Inzwischen waren wir Rentner geworden und hatten deshalb mehr Zeit für Mutter.
Wir bekamen die richterlich amtliche Betreuerurkunde. Es folgte eine schwierige Zeit, denn Mutter hatte in München vieles versäumt. Offene Rechnungen, das Finanzamt mahnte die letzten 5 Jahre Einkommensteuer an, Bankkonten mussten sortiert werden, einige Mieter machten sich die Krankheit Zunutze und zahlten kaum Miete. Einmal hatte sie den Wohnungsschlüssel verdreht und bekam ihn nicht ins Schloss, sie ging einige Stockwerke tiefer und ließ eine Nachbarin den Schlüsseldienst rufen. Was machte der? Er baute gleich ein neues komplettes Schloss ein, anstatt ihr zu zeigen, dass sie den Schlüssel nur umzudrehen braucht. 450 DM mussten wir begleichen.
Wir verpflichteten einen Hausverwalter, der sich durch alle wichtigen Papiere kämpfte. Von Februar 2000 an war sie in dem Heim untergebracht. Unsere Besuche waren 2- bis 3-mal die Woche, nebenbei besuchten wir Betreuerschulungen. Die Kosten stiegen immer weiter, wir mussten die Eigentumswohnung verkaufen.
2004 kamen wir gerade aus Paphos/Zypern zurück, als gegen 18 Uhr ein Anruf aus dem Heim kam: Wir sollten doch sofort kommen, mit der Mutter gehe es zu Ende. Die Schwester hatte sie vom Rollstuhl aufs Bett gesetzt, als sie plötzlich still in sich zusammensackte und aufs Bett fiel. Die Notärzte stellten Herzversagen fest. Ich informierte alle Verwandte. Erstaunlich, bei der Beerdigung waren plötzlich alle da, die vermutlich auf einen Teil des Erbes warteten. Fast 10 Jahre umsorgten meine Frau und ich unsere Mutter. Niemand rief mal an oder dachte an einen Besuch. Gut, die Schwester und der Bruder meiner Frau waren mal auf Mutter Geburtstag kurz anwesend. Doch das war es dann. „Ihr könnt das gut und besser!“ sagte man. Sogar ihr Ehemann stand plötzlich neben mir und flüsterte: “Danke!“ Mutter war streng katholisch, wir wollten sie deshalb nicht scheiden lassen. Ihr Mann wollte seinen Pflichtteil. Die Erbengemeinschaft bestand aus 4 Kindern, die diese Forderung ablehnten, da Mutter es im Testament so wollte. Ich als Schwiegersohn war jetzt nicht mehr gefragt. Nach dem Tod der Mutter mussten wir die Betreuerurkunden dem Richter in Hochheim abgeben. Meine komplette Buchführung, die Jahresabrechungen, die soziale Fürsorge, Arztbesuche mit Rollstuhl, Besprechungen mit Heimleitung, Behördengänge, Hausverwalter- und Mieterverhandlungen in München waren mit einem Schlag nichts mehr wert. Der Erbenstreit endete vor dem Gericht in Wiesbaden. Die Richterin holte sich einen Kollegen zu Hilfe, doch beide wussten keinen Rat und überließen den 4 Kindern sich mit Mutters Mann zu einigen. Nun, er war schließlich mit einer Geldsumme zufrieden. Das Haus wurde dann an einer Heuschrecke (Immobilienmakler)verkauft. Die Summe aufgeteilt. Seitdem wird mal an Festtagen angerufen, doch sonst ist zwischen den Kindern Funkstille.
Eigentlich mussten wir 2-mal von Mutter Abschied nehmen. Einmal wegen ihrer Krankheit, sie konnte am normalem Leben nicht mehr teilnehmen und dann ihr Tod.
Doch meine Frau und ich gehen alle 4 bis 6 Wochen zum Grab, bringen Blumen, beauftragten einen Gärtner, denken oft an die Zeit mit ihr, denn richtig Abschied nehmen geht immer noch nicht.
Erwin Paproth




















