Eingebettet zwischen Gülper See und der Havel liegt verträumt unser schönes kleines Dorf mit ca. 80 Einwohner. Zum Ort führt nur eine fast 10 km lange Straße mit Steinkopfpflaster. Links und rechts ragen große Bäume gen Himmel. Dahinter sind Wiesen, Felder und Sumpf. Wenn man gen Westen wollte, musste man die handgetriebene Fähre benutzen.
Januar 1945: In jenen Zeiten wurde unser Dorf durch die Kriegswirren arg gebeutelt. Man wusste nicht mehr, was für einer Nation die im Augenblick anwesenden Soldaten angehörten. Doch dann waren plötzlich nur noch Deutsche Sodaten da. Englische Fliegen donnerten über unsere Köpfte hinweg.
Plötzlich waren auch die deutschen Soldatn weg. Das Gerücht ging um: Die Russen kommen! Von denen hört man nur Schlechtes. Und man erzählte von Flüchtlingen. Was tun? Dorfbewohner rannten umher, trafen sich und diskutierten. Meine Mutter entschied sich: Sie wollte mit uns drei Kindern weg. Ihre Eltern wohnten in Gelsenkirchen. Sie packte das Nötigste zusammn, nahm uns Kinder (7, 6, 5 Jahre alt) und ging.
Es war bitter kalt, doch die Angst trieb uns voran. Wir balancierten über die schmale Wehranlage der Havel. Ich weiß nicht mehr wie, aber wir landeten in einem mir unbekannten Ort am Bahnhof. Hier spielten sich dramatischen Szenen ab. Auf dem Gleis stand ein sehr langer Güterzug. Die Waggons waren ohne Dach. Deutsche Soldaten gaben schreiend Befehle und dirigierten Männer, Frauen und Kinder in diese Waggons. Mutter fragte einen einsteigenden Mann, ob der Zug Richtung Dortmund oder Gelsenkirchen fährt. Seine Antwort war: Ja! Wir schlossen uns den Leuten an. Männer, die schon auf dem Waggon waren, zogen uns an den Armen hoch. Zusammengefercht standen alle ruhig, schwach vor Hunger und frierend im Wagen. Die Lok dampfte, fauchte und pfiff. Der Zug setzte sich langsam in Bewegung.
Plötzlich schrie Mutter. „Wo ist meine Tochter?“ Nebenstehende sahen sich um. Einer schrie: „Auf dem Bahnsteig steht ein kleines Mädchen!“ Mutter nahm uns, helfende Hände halfen uns beim Abspringen. Wir umarmten uns, während die letzten Waggons an uns vorbeifuhren. Am Ende des Bahnsteigs im knöchelhohem Schnee standen wir da. Der Bahnhof war fast menschenleer. Ein Soldat winkte. Er führte uns in die Wartehalle zu Einem, der mehr zu sagen hatte. „Wo ist Euer Abzeichen?“ „Was für ein Abzeichen?“ „Na, der Stern der Juden!“ „Wieso Juden? Was ist denn das? Wir haben keinen Stern.“ Ein Danebenstehender sagte: „Wieder einige hundert zum Ofen. Ihr habt Glück gehabt.“ Wir wurden von den Soldaten zu einer Sammelstelle für Flüchtlinge gebracht.
Erst später wurde mir bewusst, was da eigentlich los war. Ich hatte die gelben Zeichen gesehen aber deren Bedeutung nicht erkannt. Wir hatten noch nie von Juden gehört. Heute noch denke ich oft an diese Geschichte und sie geht mir immer noch nach. Oft denke ich an diese mir fremden Menschen und an den Abschied in den Tod.
Fazit: Der Abschied von unserem Dorf schmerzte, doch der Abschied von den Leuten im Zug ist mit Nichts zu vergleichen.
Erwin Paproth




















