Stefan (8) war tief betrübt als sein Kaninchen Milli starb. Seine Mutti nahm ihn in die Arme, streichelte ihn und sagte: “Jedes Lebewesen: ob Mensch, Tier oder Pflanze wird geboren und stirbt.“ Stefan schniefte und die Mama ergänzte, während sie ihn zärtlich an sich drückte: “Jedes Lebewesen, mein Schatz, auch unsere Milli.“ Der kleine Mann gab sich mit der Auskunft zufrieden. Doch in seinem Kopf arbeitete es. Seine Gefühle schlugen Purzelbäume und die Tränen kullerten wie große, dicke Regentropfen aus seinen Augen. Sonst hätte er sofort gefragt: “Mutti, warum werden alle Lebewesen geboren und warum müssen alle Menschen, Tiere und Pflanzen sterben?“ Doch jetzt war er einfach still. Die Mama hielt ihn weiter fest und tröstete ihn mit den Worten: “Stefan, weine ruhig. Ich bin auch traurig. Milli, dieses weiße Fellbündel, fehlt mir jetzt schon.”
Abschiedsfest für einen Freund auf vier Pfötchen
Stefans Vater gesellte sich zu den beiden und sagte zu Stefan: “Sohnemann, auch wenn ich weiß, das zum Leben das Sterben gehört, bin ich jetzt ganz schön betroffen.“ Stefan blieb immer noch still. Doch er war beeindruckt. Das gefiel ihm an seinen Eltern. Das sie so ehrlich zu ihm waren. Das er jetzt stumm blieb, dass verstanden Mutti und Papa. Das wusste er ganz genau. “Ich habe eine Idee, Stefan”, redete der Vater indes unbeeindruckt weiter. “Was meinst du. Wollen wir für unsere Milli ein richtig schönes Abschiedsfest feiern und sie dann in unserem Garten beerdigen?“ Sie hat uns allen soviel Freude bereitet. Da gehört es sich einfach, dass wir sie auch würdevoll verabschieden.“ “Ja, Papa“, kam jetzt ganz zaghaft. Und dann ein bisschen mutiger: “Aber wie machen wir das?” “Unsere Milli braucht einen Sarg. Wer will das übernehmen?“ “Das mache ich“, brachte sich Stefan ein.
Weil es Sommer und sehr heiß war, deponierten Stefans Eltern Millis kleinen Körper bis zur Abschiedsfeier in einer Plasteschachtel in ihrem kühlen Keller. Stefan suchte nach der passenden Box und fand sie schließlich in dem Schuhkarton von Muttis neuen Schuhen. Liebevoll löste er die Werbeaufkleber und beklebte sie stattdessen mit seinen Abziehbildern, Fotos von Milli und malte mit bunten Stiften Herzen, Sterne und Wolken darauf. Während dessen kam der Papa und meinte: “Schau mal Stefan, dieses Buch habe ich dir mitgebracht. Wenn du magst lies es später und wenn du Fragen hast, dann komm einfach zu mir.”
Dann wurde Milli auf feines himmelblaues Buntpapier in ihren Sarg gelegt und rundherum Watte drapiert. “Sieht aus wie ein Wolkenbett“, sagte Mama lächelnd. Die ganze Familie fuhr in den Garten. Oma und Opa kamen mit, sowie Tante Hiltrud und Onkel Otto. Es wurde ein richtig feines Begräbnis. Stefan durfte die Rede halten. Er stellte sich neben Millis Sarg, der auf einem Stuhl mit einem weißen Tuch darauf Platz gefunden hatte und fing an: “Liebe Milli, ich bin so froh das du bei uns warst. Es war so schön, wenn du in meinem Bett rumgehoppelt bist…“, dabei schielte er zu Mama, die jetzt ein bisschen sauer schaute, denn Kaninchen im Bett war eigentlich verboten. Als sie ihn jedoch wieder aufmunternd anschaute, fuhr er mit seiner kleinen Gedenkrede fort: “… und ich weiß auch noch, wie das war, als ich dich das erste Mal gesehen haben. Mama und Papa haben dich mir zu Ostern geschenkt. Zuerst dachte ich, du wärst wirklich der Osterhase …“ So erzählte Stefan die ganze Geschichte von Milli, ihm und der Familie. Tante Hiltrud bekam vor Rührung feuchte Augen und Onkel Otto klopfte Stefan anerkennend auf die Schulter. Zum Schluss setzten der Papa und er zusammen die Milli bei. Gleich neben dem Holunderstrauch und dann schütteten sie Erde auf Millis Grab und Stefan sagte noch: “Tschüss Milli.” Mutti hatte eine besondere Überraschung bereit. Einen großen, blank polierten Kieselstein auf den sie in Goldbuchstaben: “Danke, Milli“, geschrieben hatte.
“Opa, wann stirbst du?”
Ein halbes Jahr später wurde Opa Alfred schwer krank und kam ins Krankenhaus. Die Mutti klärte Stefan: “Die Ärzte haben gesagt, dass unser Opa so krank ist, dass es für sie unmöglich ist, ihm zu helfen und das er bald sterben wird.“ Stefan wurde sehr traurig, sagte kaum ein Wort und malte stattdessen Unmengen von meist hellen, lichten – manchmal aber auch dunklen Bildern. Alles, was sein Leben ausmachte, fand sich auf seinen Gemälden: Sonne, Mond und Sterne; Mutti und Papa; Opa und Opa und … Milli, Tantchen und der Onkel; die Kinder aus der Schule und seine besten Freunde. Um besser mit der momentanen Situation klar zu kommen und Sicherheit im Umgang mit Stefans Trauer zu bekommen, forschten die Eltern des Jungen im Internet und fragten Freunde. Sie bekamen viele unterstützende Hinweise und erfuhren, dass sie mit ihrer Vermutung – Kinder trauern anders als Erwachsene – richtig lagen. Weitere Recherchen brachten noch ein interessantes Buch zutage, das sie Stefan mit den Worten: “Schau es dir in aller Ruhe an. Du kannst auch darin malen, wenn du magst und wenn du etwas wissen möchtest frag uns”, schenkten. Ansonsten waren Stefans Eltern jetzt ebenfalls recht schweigsam – und es wurde sehr still in ihrem Heim. Manchmal nahmen sie ihn mit ins Krankenhaus und Mutti erklärte dem Buben auf dem Weg dorthin: “Opa schläft jetzt immer mehr. Weißt du, so wie das auch die kleinen Babys machen. Und wenn er dann wach ist, mein Schatz, wenn wir da sind, dann sprich einfach so wie immer mit ihm.” An einem dieser wachen Tage nahm Stefan seinen ganzen Mut zusammen und fragte: “Opa, wann stirbst du denn?”
Der Opa, ein gläubiger Mensch, nahm stets alle Fragen seines Enkels ernst und deshalb antwortete er ihm: “Wenn der liebe Gott ein Bett für mich im Himmel frei hat, mein Kleiner.“ Damit gab sich Stefan zufrieden und kuschelte sich an den Opa an, als der ihm erlaubte in sein Bett zu kommen. Opa flüsterte ihm ins Ohr: “Erinnerst du dich noch an unser Gespräch Stefan, indem ich dir versprochen habe, dass ich auf immer und immer bei dir bin?” “Ja, Opi” murmelte Stefan, dem jetzt mal wieder die Tränen liefen. “Ich brauche nur an dich zu denken, die Augen zuzumachen und in mein Herz zu sehen. Dann bist du da.“ “Genauso wird`s funktionieren, mein Liebling.” Mutti und Papa hörten dieses Geflüster, lächelten und saßen währenddessen schweigend an Opas Bett. Papa hielt seine Hand, während Mutti das Bettdeck lüftete. Oma wollte später kommen, weil: “Es sonst für mein Alfredchen zuviel wird. Außerdem möchte ich ein bisschen mit ihm alleine sein.”
Dann kam der Anruf aus dem Krankenhaus, dass der Großvater gestorben sei. Die Großmutter und die Eltern beschlossen Stefan mit zur Abschiednahme zu nehmen. Sie sagten zu ihm: “Stefan, wir fahren jetzt alle zusammen ins Krankenhaus, um uns von unserem Opa: ‘Auf Wiedersehen’ zu sagen. Die Pfleger haben Großvater in einen besonderen Raum gebracht, den sie mit frischen Blumen und Kerzen geschmückt haben. Vielleicht sieht der Opa jetzt ein bisschen anders aus, als wie du ihn sonst gekannt hast. Schau ihn dir an, fass ihn ruhig an und sprich zu ihm. Wenn du Angst hast, nimm einfach die Hand von einem von uns.” Stefan nickte stumm, nahm seinen ganzen Mut zusammen, obwohl ihm mulmig war und ging mit den Eltern mit. Als er dann ein zauberhaftes Lächeln in Opas Gesicht sah war es gut. Er stupste die Oma an und sagte: „Schau mal!“ Die tätschelte seinen Kopf und meinte: “Ja, weil er nun von seinen schlimmen Schmerzen befreit ist und er bei seinem Schöpfer ist.”
„Wir sehen uns im Traum.“
Ein paar Tage später nahmen die Eltern den Jungen beiseite. “Stefan”, so fing der Papa an: “Unser Opa wird auch eine so schöne Beerdigung haben, wie unsere Milli. Du erinnerst dich doch noch, dass wir Milli in einen Sarg gelegt haben, der dann in die Erde hinunter gelassen wurde?” “Ja”, antwortete Stefan und lauschte aufmerksam auf das, was ihm die Eltern sagen wollten. “Nur bei unserem Opa wird das anders sein. Der Opa wünschte sich eine Urnenbeisetzung.” “Was ist eine Urnenbeisetzung, Papa?”, wollte Stefan wissen, der langsam seine Sprache wieder fand. Die Mutter nickte dem Vater aufmunternd zu, so als wolle sie sagen: “Erzähle es ihm ruhig.” “Also Stefan, das ist so. Nachdem wir uns von unserem Opa verabschiedet haben, kam der Bestatter. Das ist einer der Menschen, die dafür sorgen, dass unser Opa so beerdigt wird, wie er es wollte. Der Mann hat den Opa in seinen Sarg gelegt, so wie wir es mit Milli gemacht haben und ihn dann aus dem Krankenhaus weggefahren.” “Und wohin haben sie ihn dann gebracht?” wollte der Junge nun erfahren, mit dessen Sprache auch seine Wissbegier zurückgekehrt war. “Sie haben ihn in ein Krematorium gebracht. Dort wird sein Körper verbrannt. Das was davon übrig bleibt, seine Asche, wird dann in eine Urne eingefüllt. Die suchen wir noch aus. Aus Holz soll sie sein. “Möchtest du die Urne bemalen, Stefan? Passende Farben hat Mutti auch schon gekauft.“ “Ja.”
Zwei Tage später kam der Vater mit der Schmuckurne nach Hause. “Dahin kommt dann ein Beutel mit Opas Asche“, klärte ihn der Papa auf, während er ihm die Urne übergab, damit er sie bemalen konnte. Diesmal brauchte Stefan drei Tage für sein Kunstwerk, auf der die himmlische Welt zu sehen war, in der der Opa nun wohnte. Auf himmelblauem Untergrund lagen zart duftig weiße, bauschige Wolken und darüber flog Opa, der nun Engelsflügel hatte und gerade dabei war, den lieben Gott zu finden. Die Abschiedsfeier wurde an einem besonderen Ort zelebriert. In seiner Lieblingsgaststätte. Die Wirtsleute hatten sich sofort mit der ungewöhnlichen Idee angefreundet und einen Bereich des Hauses für einen ihrer nettesten Gäste und seine Hinterbliebenen geöffnet. Am nächsten Tag, so erklärte es ihm der Vater, würden sie Opa an einem Baum im Wald beisetzen. “Den Baum, eine Buche, hatte sich Opa Alfred schon zu seinen Lebzeiten ausgesucht.” Und die Oma ergänzte: “Auch ich werde hier einmal ruhen…”, wehmütig fügte sie hinzu: “Dann bin ich wieder mit meinem Alfredchen zusammen”.
Gemeinsam mit Mama, Papa, Oma und einer Abschiedsgestalterin schmückte Stefan den Raum. Zum Schluss stellte er die kleine Eisenbahn, sein Lieblingsspielzeug, neben Opas Urne. Viele Menschen kamen, um sich von Alfred zu verabschieden. Diesmal redete eine Frau. Sie erzählte Opas Geschichte. Stefan durfte ein Gedicht vorlesen. Drei Männer bliesen auf Jagdhörnern den Abschiedsgruß der Jäger, denn Jäger war der Opa aus Leidenschaft gewesen. Alle zusammen sangen eines von Opas Lieblingsliedern: „Der Mond ist aufgegangen.“ Am Ende redete Mutti und das sie sich das traute, darauf war Stefan besonders stolz: “„Lieber Papa und Opa, wir sind dankbar, dass du bei uns gewesen bist, dass du ein so wunderbarer Vater, Ehemann und Großvater warst und das du uns mit deinem weisen Rat, deinem Dasein und deinem nie versiegenden Humor unterstützt und erheitert hast.”
Nach dem Abschiedsfest gingen alle in das an den Raum angrenzende Zimmer, um zur Trösterrunde zusammen zu kommen. Zuerst war die Stimmung ganz traurig. Dann begannen die Leute Geschichten über Opa und sich zu erzählen und auf einmal lachte erst einer, dann noch einer und bald waren alle wieder ein bisschen heiterer. Das tat gut. Mutti lächelte ein wenig unter Tränen und meinte: “Wenn der Opa uns jetzt von oben zuschaut, dann gefällt ihm bestimmt, was er sieht.” Wer wollte, konnte noch mal zurück in den Abschiedsraum gehen und allein mit Opa sein. Auch Stefan nahm diese Einladung an und ging ganz nah an die mit Opas Lieblingsblumen geschmückte Urne und flüsterte: “Hallo, Opa. Bist du da?“ Dabei kniff er die Augen so fest zusammen, dass kleine Blitze vor seinen Fenstern zur Seele blitzten und sich dann auflösten. Jetzt konnte er Opas Gesicht sehen und seine lachenden blauen Augen strahlten ihn liebevoll an. Stefan blieb ganz still vor Staunen stehen und wie er es dem Opa versprochen hatte, horchte er tief in sich hinein, holte noch einmal ganz tief Luft … und da hörte er es auf einmal raunen:
“Ja, mein Kleiner. Ich bin da. Auf immer und immer…“

























Hallo,
neulich stieß ich beim meinen Recherchen im weltweiten Netz auf eine Kritik. Geschrieben von einem Mann, der sich Silbenfuchs nennt. Zuerst sage ich als eine der Angesprochenen: “Danke für die Kritik mit dem Titel: Vergesst Rilke
Als erstes fiel mir ein: “Oh bitte nein. Vergesst niemals den großen Dichter Rilke, der sich so eingehend mit dem Tod befasst hat und der sagte: “Man nehme mir niemals meine Depressionen.” Seiner Ansicht nach zog er aus dieser “Todesnähe” seine Schöpferkraft. Mit seinen bildhaften und treffenden Gedanken und Zitaten wird er mir stetig Vorbild sein.
Die Zeilen des Silbenfuchses sind für mich interessante Reflexionen. Gestehe, ich vergaß zu schreiben: Das ist eine Geschichte. Eine Erzählung, die in sich die Erfahrungen meines privaten und beruflichen Lebenspfades birgt. Sie berichtet darüber, was geschieht, wenn wir verdrängen und sie schildert, was geschieht wenn wir den Horizont unserer Angst überwinden.
Die Frage: “Opa, wann stirbst du?” und die Antwort des Großvaters bezieht sich z.B. auf ein Erlebnis aus meiner Zeit als ehrenamtliche Hospizmitarbeiterin. Im Hospiz war es allerdings ein kleiner, etwa fünfjähriger Junge, der seine Oma Großmutter befragte. Da war selbst ich überrascht über die unverblümte Direktheit des Kindes. Gleichzeitig bewegt, als die Großmutter ihm so aufrichtig in einer für ihn verständlichen Weise antwortete.
Genauso überrascht war ich allerdings auch über die Frage des Silbenfuchses, dem unklar ist, ob die Beiträge hier echt oder fake sind. Diese Frage hat sich mir niemals gestellt. Denn als Leserin und als Autorin spüre ich für meinen Teil, mit welcher Autenzität sich jeder einzelne TeilnehmerIn hier einbringt.
In diesem Sinne, verehrter Silbenfuchs: “Lassen Sie sich weiter berühren. Alles, was Sie hier lesen ist echt. Denn nur Echtheit vermag unserer Inneres zu berühren.“
Eine gute Zeit wünscht die
Biographin Irene Wahle