Haiti: Keine Zeit für Trauer

Globus mit Haiti

Haiti, © Daniele Simoncini - Fotolia.com

Das Grauen hat einen neuen Namen: Haiti. Das Erdbeben hat den Inselstaat in ein Leichenfeld verwandelt. Die verwesenden Körper zu bergen oder gar würdig zu bestatten, gestaltet sich immer schwieriger. Inzwischen werden die Leichname einfach aufgetürmt und verbrannt. Erinnerungen an eine andere Katatrophe werden wach, der Ende 2009 noch gedacht wurde – an den Tsunami.

Dabei hat es Haiti noch schlimmer getroffen als Südostasien im Jahr 2004, so ein Rote-Kreuz-Sprecher. Herkömmliche Bestattungen mit Särgen seien wegen des Außmaßes der Katastrophe nicht mehr möglich. Das hatten ausländische Helfer im Tsunami-Gebiet den Angehörigen noch eine Weile ermöglichen wollen. Spezialisten der Berliner Charité sowie Bestatter und Thanatologen aus Deutschland versuchten, die Opfer der Flutwelle herzurichten und für die Überführung im Zinksarg in ihre Heimat vorzubereiten. Auch sie mussten bald aufgeben, weil die feuchtwarme Hitze ihr Übriges tat. 

Ein Land im Ausnahmezustand

In Haiti hat das Beben noch schlimmer gewütet als seinerzeit die Flutwelle. Bereits 70.000 Tote wurden geborgen. Schätzungen gehen davon aus, dass die Zahl der Opfer auf 200.000 Menschen anwachsen wird. Rund 1,5 Millionen Menschen sind obdachlos. Temperaturen um die 30 Grad herrschen in dem zerstörten Inselstaat, der lange brauchen wird, um wieder aus den Ruinen aufzuerstehen. Überall hängt Verwesungsgeruch, berichten Helfer. Von der Stategie, in Massengräbern “beizusetzen”, ist man inzwischen abgewichen, weil man sonst der Probleme nicht mehr Herr wird. Die Regierung hat den Ausnahmezustand ausgerufen, weil nach der Katastrophe und den Toten nun die Gewalt beginnt.

Der Prozess der Zivilisation

Wütende Menschen protestieren gegen die schleppenden Aufräum- und Bestattungsarbeiten oder plündern. Der Überlebenskampf hat eingesetzt, teilweise bei Menschen, die ihre ganze Familie verloren haben. Der Lebenswille, aber auch das Gefühl der Ohnmacht, sind stärker als die Trauer und der Wunsch nach einem würdigen Abschiednehmen. Bestattungskultur – ein Produkt verfeinerter oder überfeinerter Zivilisation? Oder um es mit dem Soziologen Norbert Elias zu sagen: Wenn die Angst vor realer Bedrohung abnimmt, setzt der Prozess der Zivilisation ein. Schamschwellen rücken vor, die Gewaltbereitschaft sinkt, Peinlichkeitsschwellen wachsen und letztlich entsteht das moralische Gebilde der Pietät. Was jedoch passiert, wenn die nackte Angst vor einer Bedrohung umgeht, sehen wir nun in Haiti. Der Prozess der Dezivilisation ist in vollem Gange, Pietätsverlust, die schwindende Achtung vor den Toten, ist ein Indiz dafür.   

“Wir haben jeden Respekt vor den Toten verloren”

Auch bei denen, die eigentlich unterstützen und Leid lindern wollen, ist das Wertegefüge im angesicht einer realen Bedrohung aus dem Gleichgewicht geraten, vielleicht sogar auf den Kopf gestellt. “Wir haben jeden Respekt vor den Toten verloren”, sagte ein Helfer Spiegel online. Vielerorts herrscht Ratlosigkeit. Wohin bloß mit den Toten? Bagger rücken an. Sie transportieren wahlweise Leichen und Schutt, so der Spiegelreporter. Oder Kieslaster transportieren sie ab – einfach hinaus aus der Stadt. Leichen werden noch in mit Chemikalien behandelten Leichensäcken entsorgt, verscharrt oder verbrannt.  Keine Zeit für Trauer in Port-au-Prince, keine Zeit, kein Geld für eine ordentliche Bestattung, keine Zeit fürs Abschiednehmen. Auch das ist eine andere menschliche Katastrophe, die noch lange nachwirken wird. Haiti, eine Land der unterschiedlichsten Traumata.

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