Der Film meines Lebens

Filmrolle

Filmrolle, © drx - Fotolia.com

Oder: Was bleibt? An dieser Frage reiben sich seit Jahrhunderten die Philosophinnen und Philosophen, und jede Zeit hat ihre eigenen Antworten darauf gefunden. Leben ist Bewegung, und bewegte Bilder übermitteln Erinnerung auf besondere Weise. Das öffnet den Weg für neue, spannende Ideen.

 

Das 20. Jahrhundert brachte die Kunstform des Films zur Blüte, und das 21. Jahrhundert entwickelt sie weiter. In amerikanische Grabsteine werden gelegentlich kleine Monitore eingefügt, die ein Video der oder des Verstorbenen zeigen – das kommt uns in Mitteleuropa fremd vor. Aber welche Freude, wenn auf dem Speicher ein alter Super-8-Film gefunden wird, wo wir Opa als jungen Mann im Garten mit der Harke sehen, und guck mal, Oma hat ja schon als junge Frau die Nase beim Lachen kraus gezogen! Das ist lebendiger, realistischer als jedes Foto, und es berührt viel mehr.

Am greifbarsten wurde mir das deutlich, als in einer Reportage über Anne Frank erstmals ein Stück Schwarzweißfilm gezeigt wurde, ein privates Zufallsprodukt, vor kurzem erst gefunden. Jemand, den sie in der Zeit vor dem Verstecken kannte, filmt ihre Straße und schwenkt an der Häuserfront hoch, und sie winkt aus dem Fenster herunter – das von den Fotos wohlbekannte Gesicht mit den dunklen Locken drum herum lachend und lebendig, in dem Moment unberührt von einer Vorahnung dessen, was später kam. Sie war greifbar und plastisch, und diese Filmbilder schaffen nun plastische Erinnerungen bei Menschen, die Anne persönlich gar nicht kannten. Für mich als stark visuell orientiertem Menschen ist der Film ein wichtiges Medium, und es gibt noch mehr wie mich.

Augenblicke des Alltags einfangen

Dem werden Filmemacher/innen gerecht, die das Angebot der “Erinnerungsfilme” geschaffen haben. Jeder auf seine Art, mit eigener Handschrift, orientiert an den Wünschen dessen, der die Erinnerungen stiften will. Nahegebracht wurde mir das durch Mark König aus Spenge in Westfalen, der auf http://www.erinnerungsfilme.de/Erinnerungsfilme/Home.html ein Beispiel zeigt. Und ich lerne, dass es bei so einem Film gar nicht um die großen Lebensereignisse und –errungenschaften gehen muss. Vielleicht finde ich vielmehr Bilder für das, was meinen Alltag ausmacht(e), die unbeachteten Augenblicke, die mich durch die Jahrzehnte begleiteten. Meine Hände an meiner Lieblings-Tasse, die alljährlich wieder erblühende Frühlingswiese vor dem Küchenfenster, Sonne im Wald, Spiegelungen in einem Wasserglas, eine Hand, die durch ein unreifes Getreidefeld streift. Der Blick ins Weite vom Riesenrad auf der Kirmes, der Nebel überm Wald, bevor sich der Mond in der Nacht erhebt. Rotes Laub im Gras, das ich so schön finde, das letze Licht der Abendsonne auf meinem Gesicht – oder dem Gesicht von jemandem, den ich liebe. Meine liebsten Beschäftigungen, die mein Sein und Tun widerspiegeln. Das alles unterlegt mit meiner schönsten Musik, und ich werde greifbarer für mich und andere. Denn so ein Film muss nicht am Lebensende stehen, jeder Lebensabschnitt eignet sich dazu.

Neue Möglichkeiten der Erinnerung, des Abschiednehmens und des Bewahrens. Das Leben kommt – das Leben geht – was bleibt, sind Erinnerungen. Solange sich eine/r meiner erinnert, bin ich noch nicht ganz gestorben, heißt es.

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