
Depression - © Kwest, Fotolia.com
Warum ist eine große Kirche proppenvoll und davor stehen noch mal 3.000 Menschen, um einer Trauerfeier beizuwohnen? Warum versammeln sich 35.000 (fünfunddreißigtausend!) Menschen, ziehen durch eine Innenstadt und gedenken eines Mannes, der keinerlei Perspektive mehr im Weiterleben sah? Warum fühlen sich auch Menschen betroffen, die sich nicht viel aus Fußball machen und die den Namen Robert Enkes, der bei Länderspielen bisher nur wenige Mal im Tor stand, nicht wirklich kannten?
Ich wünsche mir eine bestimmte Antwort. Ich wünsche mir, dass die Antwort lautet: weil anhand Enkes Schicksal endlich greifbar wird, dass Depressionen eine Volkskrankheit sind. Eine Volkskrankheit, die bis heute weitgehend in unserer Gesellschaft tabuisiert wird, obwohl in den letzten Jahrzehnten ihre Häufigkeit massiv angestiegen ist. Ich wünsche mir, dass die Menschen damit anzeigen, dass dieses Tabu gebrochen wurde, dass endlich eine ernsthafte Akzeptanz des Krankheitsbildes vorliegt, und dass die Menschen sich das auch von der Öffentlichkeit, von Sportfunktionären und von Leistungsträgern aller Art wünschen, damit mehr Erkrankte Heilung ohne Diskriminierung in Anspruch nehmen können.
Depression: Darüber spricht man nicht

Tabu - © Martin Allinger, Fotolia.com
Ich bin der Meinung, dass es nicht die Depression war, die Enke dazu brachte, sein Leben zu beenden, sondern eben dieses Tabu: mensch hat zu funktionieren, die Zähne zusammen zu beißen, sich hinter Statussymbolen zu verstecken, vor allem in einem angeblichen Traumjob wie Fußball-Profi. Und verschärft hat MANN zu funktionieren, sei es als Sportler, als Manager, als Geldverdiener. Die völlig verdrehte Realitätswahrnehmung ist doch: Pillen einwerfen, um dicke Muskeln zu bekommen, ist ein Kavaliersdelikt, aber Tabletten schlucken und Therapie, um schlichtweg den Alltag zu ertragen, sind verwerflich, da steht MANN mit einem Bein quasi schon in der Anstalt. Zu viel Leistungsdruck, unbearbeitete Gefühle, unmenschliche, unangemessene Erwartungshaltungen führen aber nicht zum Gipfel eines guten Lebens, sondern zum Absturz, wie auch immer er sich zeigt.
Witwe Teresa Enke hat in ihrer Ansprache erzählt, wie wichtig es ihrem Mann auch und gerade während der Tiefs war, sich als Teil einer Mannschaft zu fühlen. Nach den Erlebnissen von Sebastian Deisler im Zusammenhang mit seiner eigenen Depressionserkrankung wird sich aber jeder Profi-Fußballer hüten, die Karten auf den Tisch zu legen. Die Herren Kahn & Co – und solche finden sich in jedem Verein, in jeder Firma, in vielen Familien – sehen dann nicht den echten Helden, der den Mumm hat, für seine Gesundheit (und dadurch z.B. auch für die Familie) zu sorgen, sondern nur ein verhöhnenswertes Weichei. Der Hohn verhindert die Heilung – ein Glanzbeispiel aus einem völlig verdrehten Wertesystem. Eine Gesellschaft ist nur so gesund wie ihr Umgang mit den Kranken. Spannend – unsere Gesellschaft scheint gerade an verschiedenen Fronten ihre Werte überdenken zu müssen. Sowohl in der Wirtschaft als auch im Leistungssport scheinen die bisherigen Erfolgsmerkmale dahin zu bröseln und Platz für nachhaltigere Ziele zu schaffen.
Eine Depression kann jede/r bekommen, in jedem Job, in jedem Alter. Eine Depression ist heilbar. Sport steht für Gesundsein und/oder Gesundwerden. Möge der Volkssport Fußball auf seine Weise mithelfen, die Volkskrankheit Depression zu heilen. Und wenn wir schon bei Tabubrüchen sind, reden wir doch gleich auch noch über die völlig gesunden und außerdem noch schwulen Fußball-Profis in der Bundesliga, die es da mit absoluter Sicherheit und nicht zu knapp gibt. Bevor die auch noch depressiv werden vor lauter Verstecktsein! Neue Helden braucht das Land.
Spiegelblog: Tragischer Tod von Robert Enke
TippSpielGott: Ruhe in Frieden, Robert Enke
Indirekter Freistoß: Stimmen zum Tod von Robert Enke





















Hallo Lucida,
DFB-Präsident Theo Zwanziger hat sich inzwischen öffentlich zum Selbstmord von Robert Enke geäußert. Wo: Natürlich in der Bild-Zeitung!
Er hat dort dazu aufgerufen, mit Tabus im Fußball zu brechen. Wenn wir Enke gerecht werden wollten, “müssen wir dazu kommen, dass im Fußball jeder ohne Angst leben kann”, sagte Zwanziger zu Enkes Angst, seine Depression öffentlich zu machen. Und er hat wie du auf das Problem Homosexueller im Fußball hingewiesen. Das ist ein Anfang – da scheint etwas in Bewegung zu kommen.
Viele Grüße
Andrea Amerland
Jedes Wort – ist zuviel – und doch zu wenig, um alles zu sagen. In diesen schweren Stunden besteht unser Trost oft nur darin, liebevoll zu schweigen und schweigend mit zu leiden.
Hallo Lucida,
danke für diesen tollen Text! Wunderschön geschrieben und gesellschaftskritisch an den richtigen Stellen. Eine psychische Erkrankung ist eben doch immer noch ein Tabuthema – ebenso wie Selbstmord. Es ist schon lange an der Zeit, diese Tabus endlich zu brechen.
“In Deutschland sterben jährlich mehr als 11000 Menschen durch Suizid. Die Zahl der Suizidversuche liegt etwa zehnmal höher.”
http://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/depressionen/?sid=349141
[...] dem Blog Abschiedsvorstellung stellt Lucida die wichtigen Fragen. Ein guter Artikel über die modernen Helden des [...]
Hallo Lucida, dein Beitrag zum Tod Robert Enkes erregt schon Aufmerksamkeit. Auf dem Blog Grabauf-Grabab steht zu Lesen: “Auf dem Blog Abschiedsvorstellung stellt Lucida die wichtigen Fragen. Ein guter Artikel über die modernen Helden des Fußballs, der über die momentane Betroffenheit hinaus geht.”
http://www.grabauf-grabab.de/
Ehre, wem Ehre gebührt … Von wem ist das Zitat noch gleich?
Statt eines eigenen Kommentars zur Trauerfeier für Robert Enke möchte ich auf einen gelungenen Stern.de-Kommentar verweisen, der aller Kritik an den Ausmaßen der Feierlichkeiten und der Offenherzigkeit Teresa Enkes den Wind aus den Segeln nimmt. Hier der Link zum Kommentar “Keine Trauer ist zu groß” von Ralf Klassen: http://bit.ly/1JdAV5.
And by the Way: Ich finde, es war eine sehr berührende Trauerfeier, die für viele Menschen sicherlich sehr wichtig war. Public Viewing hat sich im Fußball etabliert: gemeinsam gucken, gemeinsam feiern. Aber wie man gesehen hat, kann man auch gemeinsam öffentlich trauern, anstatt hinter verschlossenen Türen zuhause ganz alleine damit zu bleiben. Insofern war die AWD-Arena die richtige Wahl.
Hallo, Lucida,
vielen Dank für deinen emotionalen, aufrüttelnden Beitrag und deine Fragen. Aus meinem Blickwinkel möchte ich gern meine Antworten geben:
Warum wohnten 3000 Menschen der Trauerfeier und warum versammeln sich 35.000 Menschen, um durch die Innenstadt zu ziehen und ihrem Schock und ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen? Selbst bin ich kein Fußballfan und bekomme die Ereignisse nur am Rande mit. Dann, wenn Deutschland ein Tor bei den Weltmeisterschaften schießt und die Welt um mich herum in einem geballten Urschrei aufschreit, um diese Tat zu bejubeln. Oder wenn meine Nachbarn in voller Fanmontur ins Stadion fahren, um ein Teil des gespannten, emotional aufgeladenen Fanmeeres zu werden. Fußball ist für mich so etwas wie moderner Götterkult geworden. Die Leute versammeln sich in den Stadien, vor den Fernsehern und verfolgen gebannt die Spiele und lassen ihren Emotionen freien Lauf. Da dürfen sogar Männer schreien, weinen und lachen, wenn etwas gut oder schief lief.
Die Fußballstars sind Göttern gleich geworden.
Die Bewunderung und Anerkennung der Massen ist mit ihnen.
Wie ich in den Blogs, die du mit aufgeführt hast, las, wurde Enke außerdem gemocht, weil er sich für seine Mitmenschen interessierte, für einen guten Zweck spendete und menschlich war. Wenn ein Gott plötzlich stirbt und dann noch auf so menschliche Weise, schockiert das die Menschen …
Warum er sich das Leben genommen hat?
Ich denke, das weiß schlußendlich nur er selbst. Depression ist finstere Nacht und tiefste Dunkelheit der Seele. Hoffnungslos drehen sich Gedanken um ein Problem im Kreise, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Depression ist tot sein im Leben …
Abgetrennt sein von allem, selbst vom eigenen Selbst.
Und Depression ist noch vieles mehr.
Gerade bei einem Menschen wie Robert Enke ist das unglaublich schade. Denn kaum in einem anderen Bereich zeigt sich, dass wir alle eins sind. Im Fußball sind die Menschen vereint und doch ist jeder für sich, wie die Kommentare zeigen.
Ja, Heilung ist möglich und in dieser Heilung kann Mann und Frau sich selbst erkennen. Heilung bedeutet Überwindung der Todesangst und Verwandlung in Selbst-Vertrauen. Das innere Licht erleuchtet wieder den Lebenspfad und findet das Schlupfloch aus der Sackgasse der momentanen Situation. Diese Heilung schenkt innere Stärke, so dass es egal wird, wer im Außen höhnt und tönt.
Ja, Lucida, ich gebe dir noch einmal recht. In unserer Gesellschaft, möglicherweise weltweit ist ein Werte – und Bewußtseinswandel zu spüren und das ist schön. Die Veränderung jedoch, kann nur in jedem Einzelnen von uns stattfinden … Und manchem fehlt die Kraft, sich selbst zu überholen.
Es gibt ein Volk, die Lakandonen, 500 Frauen, Männer und Kinder zählt dieses Urvolk noch. Von ihnen hörte ich gerade. Sie wissen, dass sie den Unbilden des Urwaldes, den wilden Tieren und den Naturgewalten nur standhalten können, wenn sie ein “gutes Bewußtsein” haben. Sie können nur erfolgreich jagen, wenn alle Gruppenmitglieder frei fließende Gedanken haben und unbelastet von Emotionen sind. Wenn ein Gruppenmitglied Probleme hat, dann setzen sich alle zusammen und derjenige, dem etwas auf dem Herzen liegt, singt sein Problem vor. Zugegeben, eine ziemlich unorthodoxe Methode. Doch auf diese Weise kommen die Menschen sofort in den Bereich der Emotionen, derjenige kann sie annehmen und auflösen. Alle stimmen mit ein und bald zeigt derjenige wieder sein Lächeln. Ein Volk, von dem wir hochzivilisierten Menschen mit unserer Volkskrankheit Depression etwas lernen können.
Jährlich sterben weltweit mehr Menschen am Freitod als an Verkehrsunfällen. Aus diesem Grunde hat die WHO einen Weltpräventionstag und Weltgedenktag Suizid ins Leben gerufen. Immer im September eines Jahres.
Informationen zum Weltpräventions- und Weltgedenktag:
http://www.agus-selbsthilfe.de/index.php?id=162
Was mich daran besonders berührt ist, dass die Kirchen Deutschlands sich stark dabei engagieren. Davor ziehe ich den Hut, denn jahrhunderteland wurden die Menschen, die durch Freitod aus dem Leben geschieden sind, nicht mal auf geweihter Friedhofserde, sondern außerhalb beerdigt.
Unterstützung finden Angehörige nach Suizid bei AGUS, die sich dieser speziellen Trauergruppe verschrieben hat.
Zur Website der Selbsthilfegruppe AGUS: http://www.agus-selbsthilfe.de/
Nachdenklich, mitfühlende Grüße
Irene Wahle
Hallo Frau Wahle,
ich möchte Ihre Ausführungen noch um eine weitere Perspektive ergänzen, nicht um meine eigene, aber um eine, die ich sehr interessant fand. Es ist die des Medienwissenschaftlers Jochen Hörisch, der heute in 3sat “Kulturzeit” ein Interview zu dem Thema gegegeben hat. Für ihn ist das doch sonst so sinnfreie Fußballstadion bei der Trauerfeier zu einem sakralen Raum geworden. Und Hörisch glaubt auch, dass es nicht um das individuelle Schicksal Enkes ging, sondern um eine Projektionsfläche für all unsere Sinnkrisen. Hier das komplette Interview im Videostream: http://www.3sat.de/mediathek/mediathek.php?obj=15486&mode=play
Wahrscheinlich waren so viele Menschen dort, weil plötzlich auch einer der “Prominenten” von diesem Schicksal betroffen war. Ich würde diese Menschen nicht verurteilen, es war ja wirklich bei vielen die Erschütterung zu sehen. Natürlich gibt es in jeder Nachbarschaft viele dieser Schicksale, um die sich keiner kümmert. Ich selbst bin von Depression betroffen und hatte niemanden, der für mich da war, nicht mal mein Arzt. Es ist eine furchtbare Krankheit, für die auch keine einheitliche Behandlung gilt. Mich erschüttert es nicht, wenn ein Mensch keinen Ausweg mehr sieht und sich selbst richtet. Aber viele der Fans eines Vereins, die plötzlich sehen wie ihr Idol entzaubert wird, waren wahrscheinlich doch entsetzt. Hoffentlich gerät das Ganze nicht wieder in Vergessenheit und die guten Sprüche zur Beerdigung waren umsonst.
Liebe Wintersonne 47,
ich wünsche Ihnen vertrauensvolles und das aufrichtige Verlangen heil zu sein. Ärzte und Therapeuten können immer nur unterstützen. Alles was Sie brauchen, ist in Ihnen. Denn wer außer Sie selbst, kennt sie am Besten?
Mitfühlende Grüße
Irene Wahle