
In dankbarer Erinnerung an Heide
Obwohl es mir heute, trotz all dem damit verbundenen Schmerz, leichter fällt mich von Menschen, Dingen und Orten zu verabschieden, so weiß ich gleichzeitig, dass das eine Aufgabe ist, die mich bis zum letzten Atemzug begleiten wird. Als Kind wollten mich meine Eltern beschützen und ersparten mir wohlmeinend so manche Abschiedsfeier. Die Frage, die sich heute für mich stellt, lautet: Wollen wir unsere Kinder vor dem Leben bewahren?
Für mich heißt die Antwort: Nein. Denn jeder Mensch braucht seine Erfahrungen, um zu wachsen und zu reifen. Wie das Glück, so gehört auch das Leid zu unserem Dasein. Aus dieser Annahme erwächst unsere innere Kraft, überwindet Unsicherheiten, schenkt Klarheit und unterstützt uns, den Tod als sanften Begleiter des Lebens anzunehmen. Diese Akzeptanz der Vergänglichkeit wiederum schenkt uns das Begreifen der Einzigartigkeit des Augenblicks. Es öffnet uns die Augen für die Intensität und die Schönheit unseres Lebens.
Bevor ich das jedoch für mich selbst realisieren konnte, legte ich einen mir endlos scheinenden Weg zurück, gepflastert mit viel Verdrängung, zurück. Bis in mir eines Tages zaghaft der Wunsch reifte, mich bewusst dem Abschied zu stellen. Das war im Frühling des Jahres 1995. Eine Weggefährtin, namens Heide, die ich seit der Wendezeit aus den Augen verloren hatte, besuchte mich in der Frauenbegegnungsstätte, die ich damals leitete. Sie war damals Mitte 50 und ich kannte sie nur als die resolute Frau mit weiblichen Formen, die am liebsten dunkle Klamotten und ihre dunkelbraunen Haaare stets in einem kurzen Pagenschnitt trug. Heides braune Augen waren so tief und kristallklar wie ein Gebirgsbach. Aus ihnen schimmerte ihre geistige Kraft und Mitgefühl. Sie liebte sportliche Kleidung, schicken Designerschmuck und gutes Essen. Heide war Mitbegründerin des Vereins “Frauen helfen Frauen” und leitete das Frauenhaus in Rostock. Über Jahre flossen all ihr Herzblut und ihre Lebensenergie in dieses Projekt.
Als ich ihr gegenüberstand war ich zutiefst erschrocken. Die leuchtende, stets froh gelaunte Heide sah unglaublich fahl im Gesicht aus, hatte abgenommen und vom einstigen Glanz ihrer Haare waren nur noch ein paar Schimmer übrig geblieben. Kahle Stellen anstelle von sonst üppigem Haarwuchs. Eigentlich wollte ich sie fragen: “Heide, was ist geschehen?” Doch damals fehlte mir der Mut. Die unbewußte Regel: “Das macht man nicht”, saß mir im Nacken. Wir unterhielten uns über dies und das und ließen das Thema ihres Befindens erstmal beiseite. Kurze Zeit später erzählte mir jemand: “Heide hat Brustkrebs. Der Krebs hat gestreut. Die Leber ist betroffen.” Dann war Funkstille. Auch ich selbst war vollkommen betroffen und schwieg mit.
Maultaschen mit Blattspinat
Ein paar Wochen vergingen und auf einmal tauchte Heide wieder in unserer Begegnungsstätte auf. Sie als das blühende Leben zu bezeichnen, ist zu viel gesagt. Doch sie sah besser aus, hatte eine Perücke auf dem Kopf und ihr strahlendes Lächeln kehrte für Momente zurück. Von nun an kam Heide regelmäßig. Sie bestellte immer das Gleiche: Maultaschen mit Blattspinat und dazu ein Glas Mineralwasser. Während sie aß, kamen wir oft ins Gespräch. Was soviel heißt, sie erzählte und ich hörte meistens zu und warf etwas ein. “Ich habe mein Leben umgestellt – bis hin zur Ernährung. Ich esse nur noch vollwertige Sachen. Und stell dir vor, vor einem Jahr habe ich angefangen eine Ausbildung zur Gestalttherapeutin zu machen.“ “Das machst du wohl unterstützend, um deine Arbeit im Frauenhaus zu fundamentieren“, wollte ich wissen. “Nein, Irene”, antwortete sie mir gleich darauf: “Diese Aufgabe liegt hinter mir. Das hat mir meine Krankheit deutlich gezeigt.”
Später nahm ich mich zusammen und erzählte Heide, wie sprachlos ich war und das ich mich nicht getraut habe, Fragen zu stellen. Sie meinte darauf: “Frag ruhig und sag, dass dir die Worte fehlen. Das finde ich besser, als rum zu drucksen.” In unseren Gesprächen beschrieb sie ihr jetziges Leben. “Mir ist wichtig, mich nur noch mit Leuten zu umgeben, die positiv gestimmt sind“, meinte sie. Sie nahm sich viel Zeit für sich, was sie früher nie getan hatte. Sie ging shoppen und segelte mit ihrem Mann auf der Ostsee. Sie nutzte die Erkenntnisse aus der Gestalttherapieausbildung für ihre eigene Erkrankung. Wir führten unzählige Unterhaltungen über Gott und die Welt. Allerdings sprachen wir nie über Gevatter Tod.
Augenblicke leben, genießen und verdrängen
Das wird mir erst aus dem Abstand der Jahre klar. Für Heide stand fest, dass sie es schafft. Ihre Angst verdrängte sie, sprach nie über sie und sah mutig weiter nach vorn. Heide genoss die Augenblicke Leben und machte die klitzekleinen Kleinigkeiten zu großen Ereignissen. In unserem Café gab es Schmuck von einer Schmuckgestalterin. Neusilber-Unikate, besetzt mit Korallen, Muscheln, Bernsteinen und Steinen aus aller Herren Länder. Die liebte Heide. Hin und wieder beschenkte sie sich mit dem einen oder anderen schönen Stück. Wenn sie dann den Ring am Finger, die Kette um den Hals oder den die Brosche am Pullover spürte, konnte sie diesen Augenblick in Endloslänge ausdehnen und sich freuen wie ein kleines Kind. Gespräche mit Menschen in der Begegnungsstätte und mit mir, die tief gingen und aus denen jeder etwas mitnehmen konnte, waren für die vom Schicksal gebeutelte Frau ein Segen und Geschenk. Das sagte sie einem auch.
“Tat gut, heute mit dir zu sprechen.” Heide unterzog sich klaglos den Therapien. Die zarten Blüten des Frühlings hatten den Früchten des Sommers und der Reife eines goldenen Herbstes Platz gemacht. Bald begrub fein pulvriger Schnee die letzten Feldfrüchte. Sonne schmolz den Schnee und Mutter Natur ließ zarte Schneeglöckchen vom Frühling künden, die bald einem der prächtigsten Sommer, die ich je erlebt hatte, Raum gaben. Heide startete mit ihrem Mann eine Reise nach Norwegen und meinte hinterher während einer ihrer Cafehausbesuche: “Ein bisschen zu anstrengend, aber trotzdem total schön.” Nach der Reise stand eine große Untersuchung an, die zeigen sollte, wie die letzte Chemo angeschlagen hat. Leider war das Ergebnis für Heide schlecht, denn nur ein Leberlappen hatte es geschafft, sich zu verkapseln. Eine Zeit lang war sie geknickt. Dann machte sie weiter: “Ich schaffe das”, war ihr Vorsatz. Sie nahm ihren Kampf mit sich selbst wieder auf, forderte sich heraus, brachte sich bis an ihre Grenzen und darüber hinaus. Absolvierte weiter ihre Ausbildung.
Am 26.07.1996 kam Heide wieder einmal vorbei, bestellte ihre Maultaschen und ein Glas Mineralwasser und redete fröhlich daher. Die Fröhlichkeit wirkte aufgesetzt. Wir plauderten über dies und das und gegenüber den sonst so tief schürfenden Gesprächen hatte diese Begegnung etwas von einem sanft dahinplätschernden Quell. Dann stand Heide auf, zahlte und ging wortlos. Erst Stunden später fiel mir etwas ein, stieß seltsam auf, ohne dass ich diesem Umstand nähere Beachtung schenkte. Der Satz: “Komme nächsten Mittwoch. Denke um die Mittagszeit“, waren stets Heides rituell gewordenen Abschiedssätze. Der Satz fehlte an diesem Tag. Dieser Besuch war Heides letzter Besuch in unserem Cafe. Einen Monat später, am 23. August hörte ich, dass Heide im Krankenhaus liege und es ziemlich schlimm aussieht.
Letzte Reise
In jenen Tagen war ich vollkommen unsicher im Umgang mit Sterben und Tod und ich rang mit mir. Ich stellte mir die Fragen: “Gehe ich hin und besuche sie?” “Oder bin ich menschlich zu weit weg und mein Besuch ist unerwünscht” Schließlich überwand ich mich und besuchte Heide. Ich war total schockiert über ihren Zustand. Mir fehlten die Worte. Ich war minutenlang sprachlos, während mich Heide mit den traurigsten Augen von der Welt ansah und darauf wartete, dass ich etwas sagte. Ich nahm all meinen Mut zusammen und sagte: “Hab dir ein Stück Sommer mitgebracht”, und hielt ihr den prallen Sommerstrauß mit den duftenden und schillernden Sommerblumen unter die Nase. Ein müdes Lächeln folgte. Meine Worte ignorierte sie und antwortete mir stattdessen kläglich seufzend: “Hab zu lange gewartet, bis ich ins Krankenhaus gegangen bin.” Ich saß da, wie von einer Walze überrollt. Ohne es auszusprechen, spürten wir beide, dass Gevatter Tod in ihrer Nähe war und geduldig darauf wartete, dass sie sich für ihre letzte Reise bereit machte. Ich schob den Gedanken weg und Leere breitete sich in meinem Kopf aus. “Was mache ich jetzt nur?”, fragte ich mich. Die Zeit des Redens schien vorbei zu sein, das fühlte ich tief in mir. “Halte einfach ihre Hand und sei da”, gab mir meine damals noch ziemlich leise tönende innere Stimme ein. Also setzte ich mich auf meinem Stuhl zurecht und nahm zaghaft Heides rechte Hand in meine linke Hand, streichelte mit meinen Fingern sanft ihre Haut. Wir beide wurden ganz still ich wusste instinktiv, dass ich das Richtige machte. Und so saßen wir einfach nur schweigend beieinander und sie gab sich der Berührung hin.
Der Abschied
Obwohl vier Frauen in dem Zimmer lagen, war es seltsam still. Alle spürten wohl Gevatter Tods Anwesenheit, der eine ganz eigene Athmosphäre verbreitet. So vergingen Minuten wie Stunden, kostbare unwiederbringliche Stunden. Irgendwann drang eine Stimme an mein Ohr. Eine Frau kam und meinte “Wir müssen uns absprechen, sonst wird es zuviel für Heide.” Ein letztes Mal besuchte ich Heide und während ich still die Frau betrachtete, die mir durch ihren Mut so nah war, die ich mochte und schätzte, fühlte ich, dass ihre Seele sich reisebereit machte. Ohne Worte hielten wir unsere Hände und verabschiedeten uns. Traurig ging ich nach Hause. Am 30.08.1996 verstarb Heide im Krankenhaus. Ihre sterblichen Überreste wurden ihrem Wunsch gemäß der Ostsee übergeben. Einer Legende nach verweilt die Seele 46 Stunden an dieser Stelle, bevor sie mit den Weiten des Meeres eins wird. Wir Freunde veranstalteten eine Gedenkfeier für unsere Heide in der Bibliothek des Hauses. Wir zündeten Kerzen auf den Tischen an, spielten ganz leise sanfte Entspannungsmusik, die, die Heide in der letzten Zeit lieben gelernt hatte und verteilten auf allen Tischen unser mitgebrachtes Essen. Impulsen folgend stand eine nach der anderen auf und erzählte etwas über Heide. Dankte ihr, erinnerte sich an etwas Schönes und gab ihrer Trauer Ausdruck. Gefühlt zogen wir mit unseren vielen kraftvollen, humorvollen, ernsten und kostbaren Erinnerungen den Geist unserer Freundin in unsere Mitte.
Mit Ihrem Mut, Ihrer Entschlossenheit und Ihrem sanften Wesen hatte sie jeder Einzelnen von uns etwas Kostbares für das eigene Leben mitgegeben. Mir gab sie vor allem mit, die Dinge anzunehmen wie sie sind, dem Leben die positiven Seiten abzugewinnen und das hier und jetzt zu in vollen Zügen zu genießen. Sie lehrte mich die Einzigartigkeit des Augenblicks und das Erinnerung eine Form der Begegnung ist. Denn jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, fühle ich Heide sehr nah. So nah, als könnte ich das Lächeln ihrer strahlenden Augen sehen.





















Danke für diese stimmungsvolle, berührende und bereichernde Beschreibung.
Da muss ich gleich mal ins selbe Horn blasen wie Lucida. Ihre Erfahrungen mit Abschieden zeigen wunderbar, dass der Umgang damit “lernbar” ist, sofern man sich damit auseinandersetzt. Wie Sie gleich zu Beginn Ihrer Geschichte schreiben, glauben Eltern allerdings häufig, dass sie Ihre Kinder vor Abschieden, insbesondere dem Tod, schützen müssen. Die Konsequenz kann dann sein, dass man das Thema auch als Erwachsener völiig verdrängt und hilflos im Umgang damit ist. Insofern lese ich Ihren Beitrag als ein gelungenes Plädoyer für die bewusste Konfrontation mit Abschieden. Vielen Dank dafür.
Liebe Lucida,
den Dank gebe ich gern zurück. Ich freue mich, wenn ich Menschen durch meine Geschichten berühren, ins Nachdenken bringen und gleichzeitig an einen besonderen Menschen erinnern kann.
Herzlich-herbstliche Grüße
Irene Wahle
Hallo, Frau Amerland,
vielen Dank für Ihre wertschätzenden Zeilen.
Sie schreiben: “Wie Sie gleich zu Beginn Ihrer Geschichte schreiben, glauben Eltern allerdings häufig, dass sie ihre Kinder vor Abschieden, insbesondere dem Tod, schützen müssen.”
Meine Erfahrung ist die, das wir von Kindern lernen könnnen, bewußt Abschied zu nehmen. Denn wenn wir sie lassen, zeigen sie uns auf ihre natürliche, kindliche Weise wie wir liebevoll Adieu zu sagen können.
Sie fassen den toten Opa einfach an, geben ihm ihr Lieblingsspielzeug mit, malen sich die berührendsten Phantasien aus, auf welcher Wolke der Großpapa denn nun wohnt, wie er da überhaupt hingekommen ist und was er da jetzt macht. Damit schenken Kinder uns ein wichtiges Mittel, um Trauer zu bewältigen. Die Phantasie, von der Albert Einstein meinte: “Wissen ist begrenzt, Phantasie ist grenzenlos.”
Viele Jahre war ich in unserem hiesigen Hospiz ehrenamtliche Begleiterin. Dort wurde ich während eines Dienstes Zeugin einer berührenden Szene. Der etwa fünfjährige Enkel lag dicht an die sterbende Großmutter angekuschelt in deren Bett. Sie war noch ansprechbar und so fragte er sehr ernsthaft: “Du Oma, sag mal, wann stirbst du?” Die Oma war gläubige Christin und hatte ihren Tod angenommen, deswegen meinte sie: “Mein Liebling, wenn der liebe Gott ein Bett für mich im Himmel frei hat, dann schließe ich meine Augen und meine Seele macht sich auf die Reise in den Himmel.”
Der Junge wars zufrieden und kuschelte sich wortlos an die Oma und sie hörten weiter still die schöne Musik an, die den Raum erfüllte.
Wenn wir unseren Kindern den Frei-Raum geben, können sie lernen und unsere Lehrer sein. Wenn wir das versäumen, gebe ich Ihnen, Frau Amerland recht: “Die Konsequenz kann dann sein, dass man das Thema auch als Erwachsener völlig verdrängt und hilflos im Umgang damit ist.”
Die Eltern tun es oft mit der besten Motivation, weil sie es selbst nur so gelernt haben oder so schmerzvolle Erfahrungen mit Gevatter Tod in sich tragen, dass Verdrängung die einzige Alternative ist…
Diese Herangehensweise hat allerdings einen Haken. Denn wenn auch verdrängt, sind die leidvollen Erfahrungen immer noch da und brechen sich in den unbeobachteten Momenten Bahn.
In diesem Sinne wünsche ich uns Menschen Mut, Kraft, gute Gedanken und Liebe zum bewußten Abschied nehmen.
Herzliche Grüße
Irene Wahle