Ich sitze bei einem Freund am Küchentisch, die Spaghetti brodeln auf dem Herd, er schnippelt die Oliven, wir quatschen. Er steht auf und holt mir eine Einladung, die er bekommen hat: eine Einladung zu einem sehr besonderen Abschiedsfest.
Ein ehemaliger Arbeitskollege leidet seit Jahren an Krebs. So lange es ging, hat er gearbeitet, hat das gesundheitliche Auf und Ab auf sich genommen, hat sich immer wieder Chemotherapien unterzogen, aber nun ist es klar: in absehbarer Zeit wird sein Leben auf dieser Erde zu Ende gehen. Er hat seine eigene Wohnung, sein selbstständiges Leben aufgegeben und ist die weite Strecke nach Hause gefahren, lebt wieder bei seinen Eltern, die die Möglichkeit haben, ihn bis in den Tod zu pflegen. Und er macht ein Fest: für einen Sonntagnachmittag im August lädt er fünfzig Menschen ein, die ihm lieb und wert sind. Fünfzig, weil er als nächstes fünfzig Jahre alt würde. Sie sollen in bunter Kleidung kommen, gute Laune und Fröhlichkeit beisteuern, wer mag bringt Essen mit, der Garten ist vorbereitet. Das Fest beginnt nachmittags, damit Leute mit weiter Anreise abends auch wieder zurück fahren können; er freue sich auch über die, die nur kurz vorbeischauen, schreibt er.
Die Einladung ist auf hochwertigem Papier gedruckt, und es steht groß drauf: Abschiedsfest. Kein verschämtes Drumherum-Reden, jede/r weiß, worauf er/sie sich einlässt. Umsichtig hat der Gastgeber Anfahrts- und Übernachtungsmöglichkeiten recherchiert, erklärt, worum es ihm geht und was er sich wünscht. Da ist ganz viel Wertschätzung spürbar, für die Gäste, aber auch für sich, für das Leben. Welch eine bewundernswerte Absicht: den eigenen Abschied positiv zu feiern, noch einmal das Beisammensein genießen. Ich bin sehr beeindruckt und wünsche ihm alles Gute für die verbleibende Zeit (unbekannterweise).





















Eine wirklich tolle Idee, die von ganz viel Kraft und Mut zeugt sich dem Leben und damit auch dem Tod zu stellen. Ein Mensch, von dem man ganz viel lernen kann!!!
Ich kann mir vorstellen, dass es einigen (oder doch vielen ?) Menschen “befremdlich” vorkommt …
Nachdem wir vor fast 3 Jahren die “lebensbegrenzende Diagnose” für unsere neugeborene Tochter bekommen haben fanden wir uns bei einem großen Babyausstatter auf der Suche nach Frühchenbekleidung wieder – und das mit dem Wissen, dass es nur eine Frage von Tagen sein und Klara sterben wird. Um uns rum lauter glückliche Familien mit kleinen Kindern oder dicken Bäuchen. Eine schräge Situation, aber eigentlich auch wieder nicht- denn DAS IST DAS LEBEN, und da gehört der Tod mitten rein.
Der Mut sich dem Tod genauso wie dem Leben zu stellen lohnt sich!
Gestern habe ich erfahren, dass der Abschiedfeiernde sich, eine knappe Woche nach seinem sehr gelungenen Fest, Anfang September “auf seine letzte Reise” begeben hat. Er hat wohl nur noch durchgehalten, um das Fest zu erleben, danach ließ er los. Und es gab auf seinen Wunsch hin auch keine Trauerfeier – der Abschied war bereits gefeiert worden, was sollte danach noch kommen?
Ich bin tief gerührt und habe großen Respekt vor diesem Menschen, der vor seinem Tod ein schönes Abschiedsfest gefeiert hat. Vor etwa 2 Wochen habe ich folgendes in meinem Blog (www.lebenstempo-blog.de) über den Wert “Gelassenheit” geschrieben:
Inspiriert hat mich die aktuelle “Psychologie Heute Compact” mit dem Leitthema “Strategien der Lebenskunst”. Eines wird bei der Lektüre deutlich und wiederholt sich im Heft immer wieder: Wer gelassener werden will, weiß um die Endlichkeit des Lebens. Verena Kast schreibt in dem Artikel “Im Gleichgewicht bleiben”: “Um gelassen zu sein, muss man den Tod akzeptieren.” Ich bin mir sicher, das ist der entscheidende Punkt, um den es eigentlich in unserem Leben geht.
Leben Sie Ihr Leben abschiedlich, damit Gelassenheit eintreten kann? Aus der Melancholie und Betroffenheit, die an diesem Punkt entstehen mag, liegt die Chance, das eigene Leben gelassen auszurichten. “Dass alles vergänglich ist im Leben, ist das sicher Bleibende, darauf kann man vertrauen” – so Verena Kast.
In stillem Gedenken für einen mutigen Mitmenschen …
Viele Menschen habe ich in den letzten neun Jahren auf dem Weg ihre letzte Reise anzutreten, begleitet. Ein Großteil von ihnen hat sich dafür entschieden, bewußt Abschied zu nehmen und daraus Kraft für die “letzte Wegstrecke” des Pfades Leben zu schöpfen.
Das jemand denn Mumm aufbringt, Gast auf seiner eigenen Abschiedsparty zu sein, habe ich allerdings noch nie erlebt. Davor habe ich große Hochachtung und empfinde es als die hohe Kunst, seinen Abschied persönlich zu zelebrieren. Ganz nah am eigenen Leben und der Persönlichkeit.
Es ist sicher alles gesagt und getan … für diesen Mann, seine Familie, seine Freunde und Kollegen.
Da sieht eine mal wieder: sich würdevoll zu verabschieden ist eine Angelegenheit, die in jedem Einzelnen von uns reifen sollte.