
Tatort - Der frühe Abschied - © HR / Degeto / Bettina Müller
Ein Mann nagelt ein Holzkreuz auf einen winzigen kleinen weißen Sarg. Es ist eine Szene aus dem HR-Tatort “Der frühe Abschied”, der gestern Abend im “Ersten” noch einmal ausgestrahlt wurde. Über die Wiederholungen am Sonntagabend hatten die Medien kritisch berichtet. Doch an der Wiederausstrahlung so hochwertiger Tatort-Folgen ist eigentlich nichts auszusetzen. Kommissarin Charlotte Sänger (Andrea Sawatzki) und Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) müssen in “Der frühe Abschied” den Tod eines Babys aufklären. Unter Verdacht: die Mutter.
Kindsmord, das ist ein Thema, dass wir literarisch verarbeitet aus Goethes Faust – oder ungefiltert aus den Schlagzeilen einschlägiger Zeitungen kennen und am liebsten verdrängen. “Baby in Mülltonne gefunden”, so lautet der Tenor mancher Schlagzeilen, die uns mit Grauen und großer Ratlosigkeit zurücklassen. Die Frage, was Menschen dazu veranlasst, ihr Baby auszusetzen oder sogar zu töten, steht oft unbeantwortet im Raum. Und auch ich werde diese Frage in diesem Blogbeitrag nicht klären können.
Ein ungeheurer Verdacht
Mir geht es um die filmische Leistung, darum, wie wichtig es ist, dass sich die Tatort-Reihe eines solchen Tabu-Themas annimmt, ohne zu verurteilen und ohne ein abschließendes Untersuchungs-Ergebnis zu liefern. Für diejenigen, die diese Folge nicht gesehen haben, noch eine kurze Inhaltsangabe: Als Patrick - mit dunklen Ringen unter den Augen – von der Montage nach Hause in einen hässlichen Mietsklotz kommt, sitzt seine Frau Tamara schreiend auf dem Sofa. Während Baby Emily plärrend in der Wiege liegt, regt sich ihr Zwillingsbruder Leon nicht mehr. Der Vater ruft die Polizei, weil er bei seiner psychisch labilen Frau einen ungeheuren Verdacht hat.
“Das ganze Land sieht doch überall nur noch Kindsmörderinnen!”
Und auch die Ermittler müssen sich schon ein wenig zwingen, die Unschuldsvermutung nicht zu vergessen und die eigenen Vorurteile zu hinterfragen. Allein Charlotte Sänger, die wie immer von Andrea Sawatzki glänzend gespielt wird, glaubt an die Unschuld der jungen, überforderten Mutter: “Das ganze Land sieht doch überall nur noch Kindsmörderinnen!”, sagt sie und rüttelt damit ihren Kollegen Dellwo auf.
Wie der kleine Leon letztendlich ums Leben kam, kann nicht geklärt werden. Bei der Obduktion können keine Spuren für Fremdeinwirkung gefunden werden. Auch eine natürliche Todesursache, verursacht durch ein in der Forschung diskutiertes, aber noch nicht nachgewiesenes Kindstodgen steht im Raum. Das soziale Mileu der Familie (anonymes Hochhaus und Geldnot) spielt als gesellschaftliche Problematik mit hinein. Auch die Beziehung zwischen Vater Patrick und Nachbarin wird nicht erläutert, obwohl alles auf ein Verhätnis hindeutet. Der Zuschauer bleibt aufgerüttelt und mit vielen offenen Fragen zurück. Es bleibt viel Raum für Spekulationen. Die Erschütterung liegt auch am intensiven Spiel des jungen Ehepaares durch Lisa Hagmeister und Tom Schilling, die beim Deutschen Fernsehkrimi-Festival 2008 zurecht mit dem Sonderpreis ausgezeichnet wurden.
Der Tatort “Der frühe Abschied” – harter Tobak am Sonntagabend, der zum nachdenken anregt und dessen Ende eigentlich noch erzählt werden müsste. Wie interpretiert ihr den Film? War es Mord?
Infos und Trailer zum Tatort “Der frühe Abschied” bei “Das Erste”
Das Deutsche Fernsehkrimi-Festival 2009 in Wiesbaden
Quotenhit vom Wochenende: Der Tatort “Der frühe Abschied”




















