
Filmszene "Tage oder Stunden" - © Arsenal Filmverleih
Ich habe ein bisschen gewartet, ehe ich etwas über den französischen Film “Tage oder Stunden” schreibe, weil ich in meinem Beitrag nämlich die Schlusspointe verraten muss; ich nehme mal an, wer den Film sehen wollte, hat ihn nun mittlerweile gesehen. Der Film ist von Jean Becker, und weil mir “Dialog mit meinem Gärtner” gut gefallen hat, ging ich auch in sein neues Werk.
In dem Film geht es um Antoine, der 42 Jahre alt ist und einen unheilbaren Gehirntumor hat. Das erzählt er aber niemandem – nicht seiner Frau, nicht seinen Kindern, nicht seinen Freunden oder seinen Kollegen. Auch das Kinopublikum erfährt es erst ganz am Schluss. Nur seine Ärztin, mit der er inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis hat, weiß Bescheid; sie drängt ihn, seine Umgebung zu informieren – es bleibt ihm nur noch wenig Zeit. Antoine kann nicht. Er ist hilflos; er fühlt sich dem Abschiednehmen überhaupt nicht gewachsen, ihm graust vor sentimentalen Szenen.
Abschied auf die brutale Tour
Antoine hat darum einen Entschluss gefasst – er nimmt Abschied auf die brutale Tour. Scheinbar aus heiterem Himmel fängt er mit allen Streit an, und zwar so richtig. Beruflich brüskiert er einen wichtigen Kunden und wirft seinem Partner (in einer Werbeagentur) die Brocken vor die Füße. Zuhause verletzt er seine Kinder (im Grundschulalter) und lässt seine Frau kaltschnäuzig mit dem Verdacht allein, er habe eine Geliebte (er ist mit der Ärztin beim Essen gesehen worden). Seiner zickigen Schwiegermutter sagt er endlich die Meinung, einen Freund blamiert er bis auf die Knochen. Bei seinem Geburtstagsessen mit alten Freunden provoziert er, beleidigt er, beschimpft er alle und fängt sogar eine Rauferei an. Er tut alles, was einem nur einfallen kann, um sich komplett verhasst zu machen. Seine Vorstellung ist, dass die anderen dann nur noch froh sein werden, wenn sie von seinem Tod erfahren.
Zwei Tage zum Töten
Auf Französisch heißt der Film “Deux jours à tuer”, weil sich dieser Prozess über ein Wochenende hinzieht. “Zwei Tage zum Töten”. Der deutsche Verleih hat diese krasse Formulierung nicht gewagt. Antoine will alle guten Gefühle, alles, was den Abschied schwer macht, abtöten. Lieber die Liebe, die Anteilnahme, die Wertschätzung, die Anerkennung der anderen verlieren, als sie zu deutlich zu spüren. Dies gelingt nur bedingt. Zwar ist seine Umgebung entrüstet, aber auch sehr verwundert, weil sie ihn anders kennen, und sie wissen nicht recht, ob sie ihn ernst nehmen sollen.
Als Antoine glaubt, mit allen fertig zu sein, setzt er sich ins Auto und fährt davon, niemand weiß, wohin. Er findet seinen Vater, der sich vor vielen Jahren nach Irland abgesetzt hat, und bleibt bei ihm in der Einsamkeit von Connemara. Der Mann, mit dem lange Funkstille herrschte, kann Antoine nun helfen, so zu sterben, wie es ihm entspricht: allein und ohne viele Gefühle.
Autoaggressiv
Ich habe das Kino mit gemischten Gefühlen verlassen. Der Film selbst ist gut gemacht, toll gespielt, gekonnt inszeniert. Aber was ist das für ein Mensch, der so unfähig zum Abschiednehmen ist, dass er lieber wehtut und “tötet”, als sich mutig dem Schmerz und dem Kummer zu stellen? Und der auch den Hinterbleibenden die Möglichkeit des Abschiednehmens nimmt – die nun damit leben müssen, am Schluss von ihm schwer verletzt worden zu sein, und denen er die Möglichkeit genommen hat, ihm zu zeigen oder zu sagen, was er ihnen bedeutet? Besonders seine Frau, seine Kinde r… Und was nimmt er sich selbst, das Ganze hat ja auch etwas Autoaggressives! Für ihn scheint Abschied gar kein Wert zu sein (siehe Blog-Beitrag von Petra Schuseil).
Und natürlich wird nach seinem Tod trotzdem um ihn getrauert. Die letzte Szene zeigt die Familie, den Freundeskreis, in den sich nun auch sein Vater wieder vorsichtig einfügt. Ich denke, Antoine hat es sich selbst möglicherweise einfach gemacht – seiner Familie und den Freunden aber hat er ein schweres Erbe, eine schwierige Erinnerung hinterlassen.




















