
Der "Boss" Bruce Springsteen in Frankfurt - © Thomas Brückmann
“You sit around getting older. There’s a joke here somewhere and it’s on me”
Freitag. 3. Juli 2009, 20:30 Uhr:
Da standen sie nun auf der großen Bühne in der Commerzbank Arena in Frankfurt. Bruce Springsteen war mit seiner E-Street-Band zu Gast und glücklicherweise gehörte Frankfurt zu den beiden Städten in Deutschland, die die Band während ihrer “Working on a Dream”-Tour besuchte. Das Konzert begann zwar verkehrsbedingt mit gut einer Stunde Verspätung, aber diese vier akademischen Viertel gönnte ich der Altherren-Riege.
Der Boss jagte alsbald gewohnt energiegeladen über die Bühne, Max Weinberg schnitt die herrlichsten Grimassen beim Trommeln, Garry Tallent zupfte elegant seinen Bass und über allem thronte, nahezu bewegungslos, der große Mann, “the Big Man” Clarence Clemons, mit seinem Saxophon. Ob diese stoische Ruhe mit absoluter Coolness oder vielleicht mit altersbedingter Schwäche zu tun hatte, ließ sich, trotz LED-Wand, von unserer Position nicht richtig enschätzen.
Die Bühnenbeleuchtung wechselte von Blau zu Rot und wieder zu Blau. Die über 40.000 Fans sangen und klatschten begeistert mit. Ich war einer davon. Auch wenn ich nun schon zu den gesetzten Jüngern des “Boss” (Bruce Springsteen) gehöre und mittlerweile die Sitzplatztribüne dem Stehplatz im Innenraum vorziehe. Noch immer versprühen der Rock-Poet aus New Jersey und seine E-Straßen-Kapelle eine Energie und einen Spaß an der Musik, die keinen kalt und auf dem Hosenboden sitzen lässt. Fast drei Stunden sangen wir seine Songs. Vom 1975er Klassiker “Jungleland“, über die 9/11- Hymne “The Rising” bis zu “Outlaw Pete” vom aktuellen Album durchlebten wir eine Reise durch die letzten 37 Jahre des Schaffens von Springsteen und seinen Mannen.
“We gotta get out while we’re young – cause Tramps like us, Baby we were born to run”
Als bei “Born to run” die komplette Flutlichtanlage eingeschaltet wurde, das ganze Stadion mitsang und 80.000 Arme im Takt nach Links und Rechts wogten, jagte mir ein Schauer über den Rücken. Zum einen, weil nur weniger Künstler in der Lage sind mit ihrer Musik die Massen derart zu vereinen und zu bewegen und zum anderen, weil mir mit einem Mal klar wurde, dass ich einen solchen Moment mit dem Boss und der E-Street Band nicht mehr oft erleben werde. Plötzlich juckten mich die 190 Euro, die meine Frau und ich für die Karten ausgegeben hatten, herzlich wenig. Das war vor ein paar Wochen noch anders. Als mir in diesem Augenblick bewusst wurde, dass der “Boss”, “Miami Steve“ (Steve van Zandt), “Mighty Max” (Max Weinberg), Garry Tallent, Nils Lofgren, Roy Bittan, Patty Scialfa und “The Big Man” (Clarence Clemons) wahrscheinlich nicht mehr oft auf Tour gehen und somit ein Teil meiner Jugend wohl für immer zu den Akten gelegt wird, musste ich gegen Tränen der Trauer und des Abschieds kämpfen.
Nun gut. Noch ist es nicht soweit, denn Springsteen machte einen frischen und motivierten Eindruck. Aber er wird im September 60 Jahre alt. Danny Federici, Keyboarder und Mitbegründer der Band, verstarb 2008 im Alter von nur 58 Jahren an Hautkrebs, Clarence Clemons ist schon 67 und auch der Rest der Band befindet sich bereits jenseits der 55 Lenze. Das sind alles Zahlen, die mir wenig Mut auf eine weiterhin lange Karriere machen. Und trotzdem kam mir die komplette E-Street-Band noch niemals zuvor derart lebendig und kraftvoll vor, wie an diesem lauen Abend Anfang Juli 2009.
“Glory Days, well they’ll pass you by, Glory Days”
1985 habe ich den Boss erstmals Live erleben dürfen. Damals war sein legendäres Album “Born in the U.S.A.” aktuell auf dem Markt, ich war gerade einmal 13 Jahre alt, Ronald Reagan der Präsident der Vereinigten Staaten, Twix hieß noch Raider, Lukas Podolski war noch nicht geboren und die Mauer trennte Deutschland noch für weitere vier Jahre. Heute, fast 25 Jahre später, erinnere ich mich gerne an diese Zeit und an die Jahre danach, in denen mich Bruce Spingsteen und die E-Street-Band musikalisch begleiteten. Und ja. Wenn ich mir heute Songs wie “Bobby Jean” “Atlantic City” oder “The River“ anhöre, werde ich nostalgisch und auch ein bisschen wehmütig.
“Everything dies Baby that’s a fact. But maybe everything that dies someday comes back”
Und so verließen wir gegen halb zwölf das Stadion. Ich war glücklich und traurig zugleich. Glücklich, weil ich an diesem Tag eines der schönsten, wenn nicht sogar das bisher schönste Konzert meines Lebens gesehen hatte und traurig, weil mich die Gewissheit der Endlichkeit von Allem irgendwie zu überrollen schien. Es war zwar *nur* ein Konzert eines meiner musikalischen Idole. Es war für mich an diesem Abend aber auch ein weiterer Abschied eines Teils meiner Jugend. Und das tat irgendwie doch arg weh.





















Ich will Bruce Springsteen auch immer mal sehen, und mir ist schon klar, dass ich mich ranhalten muss – so wegen seines Alters … ; dieses Mal ging es nicht, und die Kartenpreise find ich auch ziemlich happig, aber da muss ich dann mal durch – wenn er denn das nächste Mal kommt. Hoffe, dass es bis dahin keine lückenreißenden Todesfälle gibt.
Bei einer habe ich zu lange gewartet – auch immer mit dem Vorsatz, da gehe ich irgendwann mal hin – : bei der großen Frau des Tanzes, Pina Bausch. Außer im Fernsehen habe ich ihre Arbeit nie live bewundern können. Nun ging es ganz schnell – fünf Tage nach der Krebsdiagnose war es schon vorbei. Vor wenigen Wochen stand sie noch auf der Bühne bei ihrer letzten Premiere. Ich bedaure es sehr, dass der Wim-Wenders-Film, der im Herbst über sie gedreht werden sollte, nun ausbleiben wird. Vielleicht wird er aber doch gedreht, vielleicht lässt Wenders sich etwas anderes einfallen, das mehr über Bausch als mit Bausch ist.
Corinna Brod hat hier im Blog zu Michael Jackson die Frage der Vorbildfunktion von Prominenten aufgeworfen. Wenn es nach dem ginge, was Bausch für die Welt des Tanzes und der Kultur bedeutete, müßte ihre Beisetzung ähnlich prunkvoll sein wie die von Jackson. Sie fand aber in aller Stille und im engen Kreis statt, eine offizielle Trauerfeier findet in einem zeitlichen Abstand in ca. zwei Monaten statt. Ich finde, das hat STIL!