Wenn ein Kunstmaler “Abschied” nimmt

Quelle: http://www.onlinekunst.de/januar/03_01_2_Macke_Literatur.htm

August Macke, Der Abschied, Wallraf-Richartz-Museum

August Macke wird im schönen Hochsauerland geboren, in Meschede im Jahr 1887. Er arbeitet hauptsächlich als expressionistischer Maler und lebt in Düsseldorf, in Paris und Berlin. Mit seiner Frau Elisabeth wird er sesshaft in Bonn, reist aber weiter viel herum und sieht einiges in Europa und sogar in Nordafrika, das in seine Bilder einfließt. Für einen 27-Jährigen ist das zu dieser Zeit ein sehr bewegtes Leben!

Dann ist es Ende Juli 1914, und in seinem Dachgeschoss-Atelier stellt er eine neue Leinwand auf die Staffelei, fährt mit dem Rötel über die weiße Fläche und zeichnet vor. Schon eine Weile trägt er dieses Bild vor seinem inneren Auge: hohe schmale Gestalten, auf Vordergrund und Hintergrund verteilt, Erwachsene und Kinder, vielleicht auch ein Hund … Und er weiß, dass es “Abschied” heißen soll, nur: Abschied wovon? Vielleicht versteht er es, wenn der Pinselstrich ihn führt, wenn er vor sich sieht, was da entsteht. Er schraubt ein paar Tuben auf und legt den Lappen zurecht. Elisabeth bringt eine Kanne selbstgemachter Limonade, durchs offene Fenster hört er unten ein Pferdefuhrwerk vorbeirumpeln.

Im Laufe der Stunden, der Tage formen sich die Figuren, nehmen Farben an, erst nur als dunkler Untergrund, später kommen andere, hellere drüber. Er denkt nicht viel daran, dass draußen in der Welt ein Krieg begonnen hat, unten bei den Österreichern auf dem Balkan. Aber der Brand breitet sich aus, Russland will mitkämpfen, und dann auch das Deutsche Reich. Bald liegt auf dem Tisch der Brief – August wird als Unteroffizier in den Krieg gerufen, er folgt der Pflicht.

Im Atelier wird es still

Er schraubt die Tuben zu und legt sie in den Kasten, spült die Pinsel aus. Dieser Krieg wird nicht lange dauern, schon gar nicht gegen die Franzosen. Wenn August wieder da ist, muss er als erstes alle grünen Stellen ausarbeiten, und der Lichteinfall auf der linken Seite stimmt auch noch nicht ganz. Er macht sich eine kleine Notiz dazu auf der Rückseite des Briefumschlags. Er wirft den fleckigen Kittel über die Stuhllehne und geht zur Tür. Dreht sich noch mal um, schaut aus der Distanz auf die Leinwand, sieht, was alles unfertig ist. Es treibt ihn zurück, er will weitermalen, es ist noch so viel zu tun. Bald, bald! Er verlässt sein Atelier, wie immer knarrt die Tür, als er sie ins Schloss zieht. Im Atelier wird es still.

Am 26. September, tief in der französischen Champagne, wird August bei Stellungskämpfen, umgeben von Getöse und Dreck, erschossen. Die Kunstwelt muss Abschied nehmen von einem der fortschrittlichsten Maler ihrer Zeit. Dessen “Abschied” steht für immer unvollendet auf der Staffelei.

(Dies ist eine Phantasie von mir, die auf dem realen Hintergrund aufbaut. So mag es nicht, könnte es aber gewesen sein. Wer Stoff für sein Macke-Referat sucht, schaue lieber woanders. August-Macke-Freaks, die besser Bescheid wissen, mögen mir verzeihen. Und ich hab gar nichts gegen Franzosen, sondern spiegele in Mackes Gedanken eine damals tatsächlich weit verbreitete Illusion wider.)

Anmerkung der Redaktion: Das Gemälde “Abschied” von Auguste Macke (1887-1914) ist noch bis zum 9. Juli in der Ausstellung “Marc, Macke und Delaunay. Die Schönheit einer zerbrechenden Welt (1910-1914)” im  Sprengel Museum Hannover zu sehen. Weitere Informationen zur Ausstellung.

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2 Kommentare

  • Corinna Brod Corinna Brod

    Ich habe 1986 im Museum Ludwig in Köln zum ersten Mal in meinem Leben Bilder von August Macke gesehen, “Der Abschied” ist auch dabei. Seitdem kann ich nachvollziehen, warum Menschen Bilder stehlen und unbedingt besitzen wollen …

  • Hallo Lucida, hallo Corinna,

    so einen Kunst-Flash hatte ich in Essen im Folkwang-Museum. Dort wurden Impressionisten aus einer russischen Sammlung gezeigt. Darunter auch das berühmte Seerosenbild von Claude Monet. Ich hatte schon oft Reproduktionen davon gesehen und immer gedacht: “ganz nett”. Erst als ich in Essen vor dem Original stand, begriff ich, wie schlecht diese Nachbildungen waren. Auf dem Bild führt eine japanische Brücke über einen Seerosenteich. Wasser und Blüten leuchten in intensiven Farben, die Pinselführung ist virtuos … man ist richtig von diesem Bild berauscht.

    Eine August-Macke-Ausstellung habe ich mal in Emden in der Kunsthalle Henri Nannen gesehen. “Gesang von der Schönheit der Dinge” hieß die Schau, die Aquarelle und Zeichnungen zeigte. Da war das Bild “Abschied” leider nicht dabei.

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