5 Männer als Todesfall: Judith Hermanns

Titelcover

“Sie sagte, also, soweit ist jetzt alles klar. Wir haben alles geklärt. Die Musiker, die Friedhofskapelle, die Grabstelle. Wir haben den Tag für die Beerdigung festgesetzt. In drei Wochen. Und wenn Richard bis dahin nicht gestorben ist, sagte Alice. Oh, bis dahin wird er das geschafft haben, sagte Margaret.” In den fünf Geschichten rund um “Alice” von Judith Hermann wird selten so deutlich über das Ende gesprochen, wie in der Erzählung “Richard”. Dabei kreisen allesamt um den Tod und das Sterben.

Für das Sterben gibt es keine angemessene Sprache. Warum sonst drucksen wir herum, wenn wir jemandem sagen möchten, wie leid es uns tut, dass ein Mensch gestorben ist? Viele Menschen greifen zu pietätvollen Wendungen und verstecken sich hinter Zitaten berühmter Dichter, um das Grauenvolle zu beschreiben. Andere verfallen in Sprach-losigkeit. Judith Hermann, die nach dem Erscheinen ihres Erstlings “Sommerhaus, später” als Fräuleinwunder der Deutschen Gegenwartsliteratur gefeiert wurde, hat nach “Nichts als Gespenster” und einer langen Pause mit “Alice” nun ihr drittes Werk vorgelegt. Wie so oft schaffen sich die Feuilletons ihre eigenen Debatten – oft wird hart mit dem neuen Erzählband der in Berlin lebenden Autorin ins Gericht gegangen, so etwa in der FAZ, in der eine Kritikerin wettert, das Buch treffe für das wichtige, schwere und doch so existentielle Thema Tod nicht den richtigen Ton. Offenbar mangelt es ihr an Pathos und Dramatik, vielleicht auch an philosophischem Unterbau, letztendlich vielleicht auch nur am Quäntchen Trost und Linderung, das wir uns alle bei diesem Thema wünschen. Aber das versagt Judith Hermann ihren Lesern.

“Ein Thema voll eigenartiger Antipathie”

Judith Hermann ging es gar nicht darum, tiefschürende, tränenreiche oder erbauliche Geschichten vom Sterben zu erzählen. “Es ist kein Tabu, aber auch kein Thema, für das wir einen Umgang, eine Sprache haben, oder? Es ist ein Thema voll eigenartiger Antipathie, es gibt eine große Unlust, sich damit zu beschäftigen, die Annahme, man könne sich dem Tod durch Ignoranz verweigern,” sagt Judith Hermann im Interview mit Der Zeit. Dass plötzlich Menschen in ihrem eigenen Umfeld starben, benennt sie als Anlass, das Thema Abschied und Tod für einen Erzählband zu wählen. 

In “Alice” geht es um fünf Männer, die sterben. Sie heißen Micha, Conrad, Richard, Malte und Raymond – und sie verschwinden ohne dramatischen Schlussakkord einfach aus dem Leben der Menschen. Sie sterben im Krankenhaus, fernab von ihren Freunden oder Familien. Oder sie sterben lang. Es beginnt mit Micha, Alices ehemaligem Geliebten, gefolgt von Conrad, ihrem väterlichen Freund, der am Gardasee residierte, und Richard, der gezwungen ist, seine eigene Beerdigung zu planen. Dann geht es um Malte, den homosexuellen Onkel, der kurz vor Alices Geburt Selbstmord begangen hat. Dessen Liebhaber trifft Alice über 30 Jahre später. Am Ende zieht der Tod immer engere Kreise um Alice: Raymond, ihrem Lebensgefährten, ist die letzte Geschichte eines Todes gewidmet. Nicht die Menschen, die sterben, stehen dabei im Zentrum, sondern diejenigen, die die sterbenden Menschen begleiten und zurückbleiben.

Es geht um die Sprachlosigkeit, die einen befällt, wenn liebe, vertraute Menschen gehen und die Leerstellen, die sie hinterlassen. Es geht um die Unfähigeit, Abschied zu nehmen oder die Zeit, die Trauer braucht, das typische geschäftige Leerräumen der Kleiderschränke gleich nach der Beerdigung, um den Tod aus dem Haus zu bannen, eine Aufräumwut, die so mancher schon bald bereut. Judith Herrmann arbeitet mit einem subtilen stilistischen Mittel: der Aussparung. Nicht alles wird gedacht oder gesagt, vieles schwebt unausgesprochen zwischen den Zeilen. Und doch gelingt es ihr, Atmosphären von symbolischer Kraft zu schaffen. Sie arbeitet mit feinen Vorausdeutungen. “Die Sonne fiel träge. Dann kam der Halbmond hoch. Der Himmel weit hinten am Fernsehturm, über der Marienkirche und der Leuchtreklame des Forum-Hotels, war schwarz.” Oft schafft der Blick zu den Krankenhausfenstern, hinter denen gerade ein Mensch stirbt oder gestorben ist, für Alice Distanz. Gleich der erste Satz des Erzählbandes hat mich magisch in den Text gezogen. Er lautet: “Und Micha starb nicht.”

Mein Abschieds-Buchtipp:

“Alice” von Judith Hermann ist im Verlag S. Fischer erschienen und kostet 18,95 Euro.

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2 Kommentare

  • nica nica

    “Nicht die Menschen, die sterben, stehen dabei im Zentrum, sondern diejenigen, die die sterbenden Menschen begleiten und zurückbleiben.” – Letztendlich ist das doch im richtigen Leben auch so.

    Ein schöner Text, aber er verleitet mich trotzdem nicht dazu, das Buch zu lesen. Muss wohl am Thema liegen…

    Gruß, nica

  • Lucida Lucida

    Ich habe das Buch auch gelesen und muss sagen, mich hat wenig daran berührt. Alices Erfahrung, innerhalb offenbar weniger Jahre mit fünf Todesfällen ihr mehr oder weniger nahestehender Männer konfrontiert zu werden, hatte ich (noch) nicht, aber ich glaube, daran liegt es nicht. Besonders in den ersten drei Kapiteln erlebe ich Alice als relativ unbeteiligt. Sie nimmt alles wahr, oft mit großer Detailschärfe, und sie steht in der Mitte der Wahrnehmungen, ohne dass die Gefühle dazu kommen. Selbst wo Verwirrung entsteht oder Abschied angesagt ist: es ist wie es ist, und gut. Ich finde auch zwischen den Zeilen wenig, das Mitgefühl bei mir auslöst.

    Das Stilmittel, mit Fragezeichen sehr sparsam umzugehen, und an der Grammatik deutlich erkennbare Fragen als Aussagesätze zu schreiben und mit “sagte” statt “fragte” abzuschließen, passt dazu. Hast du Hunger, sagte Raymond. Es hat etwas Eintöniges, Ergebenes. Alice kauft Wasser, Alice spricht mit der Ehefrau des Sterbenden, Alice setzt sich ans Bett des Sterbenden, Alice spricht wieder mit der Ehefrau. Ergebenheit in die Tatsache des Sterbens?

    Etwas Lebendiges kommt in die Geschichte von Malte, in der Alice aus eigenem Antrieb den Spuren ihres lange verstorbenen Onkels folgt. Sie trifft seinen früheren Freund, und hier entsteht Spannung: wie wird das sein, ihn zu sehen, was werden sie sagen, was wird sie mitnehmen? Und in der letzten Geschichte stirbt ihr Partner, und hier endlich finde ich Trauer, finde ich Schmerz und Hilflosigkeit und die paradoxen Situationen, in denen das Leben still steht und trotzdem weitergeht. Als habe Alice die ersten vier Geschichten gebraucht, um beim ihr am nächsten stehenden Trauerfall endlich den Tod wirklich an sich heran lassen zu können. Manchmal mag es so sein. Leider hat es mich nicht gefesselt.

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