Abschied von einem Idol

Gitarre

© Jan Gropp - aboutpixel.de

 In den Achtziger und Neunziger Jahren des vergangenen Jahrtausends war “Michael Kelland Frank Hutchence” mit seiner Band INXS einer der populärsten musikalischen Exportgüter Australiens. Ich selbst habe die Band 1985 während des Legendären Live Aid Konzerts kennen und ihre Musik lieben gelernt. Live Aid wurde seinerzeit von Bob Geldof, dem Sänger der britischen Popband “Boomtown Rats” organisiert und jener Bob Geldof spielte im späteren Leben von Michael Hutchence eine wichtige, wenn nicht sogar die entscheidende Rolle. 

INXS begleiteten mich durch meine Jugend und spielten auf meiner Jungfernfahrt in meinem ersten eigenen Auto. Ich war fasziniert von den sechs Australiern, die sich 1979 auf den Weg von Perth nach Sydney machten, um zu musikalischem Weltruhm zu gelangen. Ich verschlang ihre Alben, hortete fast alles, was in der Presse erschien, besuchte ihre Konzerte und sammelte seltene Auskopplungen der Band. Ich war nie ein Fan von Michael Hutchence persönlich. Das überließ ich lieber den Mädels. Ich war ein Fan der Band und ihrer Musik.

Und trotzdem traf mich die Nachricht vom Tod des charismatischen Frontmanns wie ein Schlag. Es war am 22. November 1997, einem Samstag, als ich gegen 10 Uhr an den Frühstückstisch schlurfte und das Radio einschaltete. Die Nachrichten kamen und ich hörte eigentlich gar nicht richtig zu. Bis dann die Meldung ertönte, dass Michael Hutchence der Sänger der australischen Rock Band INXS erhängt in einem Sydneyer Hotel aufgefunden wurde. Er wurde 37 Jahre alt. Die Nachricht fuhr mir augenblicklich in den Magen und komischerweise erschütterte mich nicht die Meldung von Michaels Tod, sondern eher die plötzliche Erkenntnis, dass es nun nie wieder ein INXS Album und nie wieder eine Tour meiner Idole geben würde.

Gerüchte in der Boulevard-Presse

Die folgenden Tage verfolgte ich intensiv die internationale Presse und trug mich auf der offiziellen Homepage der Band in das Kondolenzbuch ein. Das war schon etwas besonderes, denn das Internet steckte damals quasi noch in den Kinderschuhen. Schnell kamen erste Gerüchte in der Boulevard-Presse über einen angeblichen Strangulierungstod auf, den Hutchence bei einem “Asphyxia” oder Blackout-Spiel erlitt, während er sich selbst befriedigte. Diese These erwies sich später als völlig absurd, da Hutchence vollständig bekleidet gewesen war, als er gefunden wurde.

Die seriöse Presse hingegen wandte sich einer ganz anderen Theorie zu. Michael Hutchence war seit knapp zwei Jahren mit Paula Yates liiert und beide hatten eine gemeinsame Tochter namens “Heavenly Hirany Tiger Lily”. Paula Yates war die Ex-Frau von eben jenem Bob Geldof und versuchte die Scheidung einzureichen. Geldof hingegen terrorisierte anscheinend seine Ex-Frau und ihren Partner, in dem er psychischen Druck auf beide ausübte und damit auch die Scheidung in die Länge zog. Hutchence, der nach außen zwar ein extrovertierter Partygänger war (unter anderem war er zuvor mit Kylie Minogue und dem Top-Model Helena Christensen zusammen gewesen), litt offensichtlich unter dem Druck den Geldof ausübte.

Die Wahrheit über Michael Hutchence

U2-Sänger Bono, der mit Hutchence gut befreundet gewesen ist, schilderte später, dass Michael in Wahrheit ein schüchterner Mensch war, der eigentlich nur Geborgenheit und Ruhe suchte. INXS war zwei Jahre lang praktisch weg vom Fenster, bevor die Band mit wechselnden Sängern immer mal wieder auf kleinere Tourneen ging und eine Best-Of-CD nach der anderen veröffentlichte. 2005 kam endlich ein neues Album auf den Markt und die Band hatte mit dem Kanadier J. D. Fortune einen neuen Frontmann. Fortune ist ähnlich charismatisch wie Michael es gewesen ist und “Switch” ist ein durchaus gelungenes Comeback. Dennoch ist für mich die alte INXS-Magie verschwunden und Michael Hutchence durch Niemanden zu ersetzen. Zumindest nicht für mich, der seit nunmehr fast einem viertel Jahrhundert Fan von INXS ist.

Niemand weiß, was sich an diesem verhängnisvollen Morgen im Ritz Charlton wirklich abspielte und niemand wird es wohl jemals erfahren. Paula Yates starb 3 Jahre später an einer Drogen-Überdosis. Heavenly Tiger Lilly lebt seitdem mit ihren Geschwistern bei Bob Geldof. Im Jahr 1998 erschien das posthum veröffentlichte Solo Album “Michael Hutchence”. Hinterher wurde spekuliert, ob der Sänger bereits vorher wusste, dass er seinem Leben ein Ende setzen wird, denn auf der Platte ist ein Duett mit Bono zu finden und der Text lässt Spielraum für Interpretationen offen.

Michael Hutchence & Bono / Slide Away

Are you gonna wake again?
Are you gonna take it down?
Oh babe, I don’t wanna deal it
Oh, make it alright
Gimme some, my love
Away, away, away

I just wanna slide away and come alive again
I just wanna slide away and come alive again
I will see that love again, and find a life again
I just wanna slide away and come alive again

I wanted to let it go
Just couldn’t let it go
I wanted to let it go
Just couldn’t let you go

I would catch you (Just couldn’t let you go)
I’d catch you as you fall (Just couldn’t let it go)
I would catch you (Just couldn’t let you go)
I’d catch you if I heard your call

But you tore a hole in space
Like a dark star, falls from grace
You burn across the sky
And I would find you wings to fly
And I would catch you
I would catch your fall

I just wanna slide away and come alive again …

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2 Kommentare

  • Lucida Lucida

    Ich war ähnlich erschüttert, als im November 1991 Freddie Mercury starb. Wobei ich sagen muss, dass ich nie ein besonderer Fan von Queen war. Ich war an einem Sonntagnachmittag mit meinem damaligen Ehemann dabei, Adventsplätzchen zu backen. Dabei dudelte SWR 3 vor sich hin, und dann kam die Nachricht: es war veröffentlicht worden, dass Mercury an AIDS erkrankt sei. Er war seit Monaten nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen worden, es gab nur einige verschwommene Paparazzo-Fotos, auf denen er sehr mager aussah. Nun war der Grund bekannt. Da war ich schon betroffen.

    Und dann kam am nächsten Tag die Todesmeldung. Völlig unerwartet für mich, ich dachte, Mercury habe noch ein paar Monate. Und dann spürte ich meine Hochachtung vor seinem Freundes- und Bekanntenkreis. Ich halte es in dieser neuigkeitengeilen Branche für eine fast unmögliche Sache, die Erkrankung eines derart prominenten Musikers unter Verschluss zu halten. Zu einer Zeit, in der AIDS noch “spannend” war und noch nicht der allgemeinen Gleichgültigkeit anheimgefallen. Irgendwer hat immer Lust auf das Geld einer Redaktion, die diese Sensation zuerst haben will. Nicht so hier. Ich war beeindruckt, dass Mercury offenbar von wirklichen Freunden umgeben war, die seinem Wunsch nach einem Sterben in Stille und Zurückgezogenheit und ohne Medienhype Respekt zollten. Erst an einem Tag, an dem der nahe Tod wohl absehbar war, ging die Info raus. Und am Tag danach ging Mercury, und auch ich als kein besonderer Queen-Fan sage: er hat eine Lücke hinterlassen, bis heute.

    Ich könnte mir auch vorstellen, dass Hutchence seiner Todessehnsucht und -angst in diesem Lied Ausdruck gab. Ich denke, ein Selbstmord ist nur selten spontan, in der Depression bereitet er sich vor und es gibt auch Hilferufe, wo möglich.

    Bei David Carradine, der letzte Woche starb, haben sie diese Selbstbefriedigungs-Strangulierungs-Theorie auch wieder ausgegraben. Scheint immer noch faszinierend zu sein …

    • Thomas Brückmann Thomas Brückmann

      Die Erkrankung und der Tod von Freddie Mercury haben mich seinerzeit auch sehr betroffen gemacht. Auch ich bin kein Queen-Fan, aber Mercury gehörte und gehört für mich noch immer zu den bedeutensten und wichtigsten Charakteren der Rock-Musik. Seine Arbeit und sein Schaffen haben das Genre nachhaltig beeinflusst. Mit ihm ging einer der ganz großen Künstler des 20. Jahrhunderts.

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