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Was sagen wir da eigentlich? Auch das Wort “Abschied” hat eine Geschichte, eine Sprachgeschichte, durch die vielen Jahrhunderte. Und es ist erstaunlich gleich geblieben, hat sich gar nicht viel verändert, seit die alten Germanen Altgermanisch sprachen und das dazu gehörende Verb schon “stark” konjugierten, also wie wir es kennen: scheiden/schied/geschieden (und nicht etwa “schwach”: scheiden/scheideten/gescheidet – urrgh, grässlich).
Alle, die seit Jahrtausenden in den Weiten zwischen Indien, Iran/Irak und in ganz Europa leben und sprechen – inklusive uns – gehör(t)en zur uralten indogermanischen Sprachfamilie. Und das uralte Indogermanische liefert uns den Ursprung, die “Wurzel”-Silbe: skei- . Skei- hat immer etwas mit “schneiden, trennen” zu tun. Wenn man einen T-Laut dranhängt, dann ist man schon ganz schnell beim (Holz-)”Scheit” – auch etwas Abgeschnittenes, Abgetrenntes. Aus skei- entwickelten sich außer “scheiden” auch noch “schíden” und “schiden”, aus denen wurde dann später “gescheit” und “Schiedsrichter”. Gescheite Schiedsrichter sind sozusagen doppelt gemoppelt. Die alten Goten (das war der Teil der Germanen, die zunächst in Osteuropa wohnten) sprachen bis zu ihrem Niedergang etwa um 700 sehr viel gotisch und benutzten das Wort auch, bei ihnen hieß es “skaidan”.
Abschied im Alt- und Mittelhochdeutschen
Im Althochdeutschen, von den Nachfahren der Westgermanen zwischen 750-1050 benutzt, hieß es – ganz ähnlich im Klang – sceidan. Das waren Leute, die mit Vornamen Pippin hießen und Zwentibold und Bernger, die Frauen hörten lieber auf Angilberga, Ermengarde und Richenza. Naja, wem’s gefiel …
Klassisches Mittelhochdeutsch war dann das, was der Herr Walther von der Vogelweide von seinen Eltern lernte, und da finden wir die Formen abschid, abeschit, abescheit als Hauptwörter für ab(e)scheiden = lostrennen, entfernen; entlassen, verabschieden. Angehört haben dürfte sich das Mittelhochdeutsche in etwa wie die alemannischen Dialekte heute in Südwestdeutschland. Nimmt man jedenfalls an, gab ja noch keine MP3-Dateien zur Sound-Konservierung.
Also, als Walther von der Vogelweide vor 800 Jahren über die thüringischen Auen ritt, und wenn da zufällig aus der Zeitmaschine ein Laptop vom Himmel gefallen wäre und Herr Walter hätte die Laute ins Gras gelegt und das Abschiedsblog auf www.abschiedsvorstellung.de aufgerufen, dann hätte er erahnt, dass es sich hier um Trennung und Loslassen und Weggehen dreht, und er hätte geseufzt und leise auf der Laute ein paar Töne angeschlagen, die man heute als e-Moll-Akkord bezeichnen würde … Die Grundbedeutung “spalten, trennen” (siehe auch “Scheitel”) ist bis heute gültig (“die Ehe scheiden”, “ausscheiden”, in technischen Zusammenhängen “abscheiden” für “absondern, entfernen”). Aus dem reflexiven “sich scheiden” hat sich die Bedeutung “weggehen” entwickelt, das dann für den “Abschied” herhielt.
Letzter Abschied Tod
Von “abscheiden” ist immer noch gebräuchlich die Form (sogenanntes adjektivisch verwendetes zweites Partizip – egal, vergiss es) “abgeschieden” für “zurückgezogen, einsam” und “Abgeschiedenheit” (Zurückgezogenheit, Einsamkeit). Es bleibt doch einiges erhalten. “Abschied” bedeutete früher außer “Weggang, Trennung” und “Entlassung” (z. B. “seinen Abschied nehmen oder erbitten”) bis zum 18. Jahrhundert auch “Tod”; und “[richterliche] Entscheidung, Beschluss”, daher altmodisch manchmal “Reichstags- oder Landtagsabschied”.
“Verabschieden” heißt “(aus dem Dienst) entlassen, in den Ruhestand versetzen”, aber auch “ein Gesetz annehmen und für rechtsgütig erklären”, und “sich verabschieden” verwendet man erst etwa seit Goethes Zeiten. Und auch im übrigen Europa lebte das skei-Wort fort, auf Niederländisch gibt es “scheiden” und “afscheid” auch (mit einem wunderschönen Rachenkrächzer nach dem s), und die Angelsachsen gebrauchten skīðan, aus dem die Engländer “to shed” machten für “etwas abwerfen, loswerden”. Auf Dänisch heißt der Abschied “afsked”, auf schwedisch “avsked”, auf norwegisch “avskjed”.
Da drängelt sich noch etwas hinterher und will auch beachtet werden: Andere Verwandte aus dieser Wortfamilie sind noch “bescheiden, entscheiden, unterscheiden”, und die dazugehörigen Hauptwörter. Außerdem es gibt das beschönigende Wort “verscheiden” für “sterben”. Und “verschieden” ist auch das, was getrennt ist, weil es nicht viel gemeinsam hat.
Wer hätte es gedacht.
Quellen: Herkunfts-Wörterbuch Duden 1989, Pfeifer Etymologisches Wörterbuch 1989, Wikipedia, verschiedene Fremdsprachen-Wörterbücher




















