Der Tod macht von sich reden

© broiler - aboutpixel.de

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Der Menschenstrom will einfach nicht versiegen. Auch als schon die Glocken läuten, eilen noch schwarzgekleidete Menschen mit ernsten Gesichtern vom Parkplatz neben dem Wald auf die Trauerhalle des Mörfeldener Friedhofs zu. Für sie wird es dort keinen Sitzplatz mehr geben: Einige Trauergäste warten schon dichtgedrängt in der Tür. Wie gut, dass es ein erstaunlich warmer Oktobertag ist. Und auch drinnen stehen sie hinter und neben den komplett besetzten Stuhlreihen, einfach da, wo noch ein wenig Platz war. Sie alle warten auf ein Ritual, das ihr Entsetzen über das Ende eines Lebens mildert – und die Angst vor dem eigenen Tod dämpft. Sabine Schultze* ist tot. Im Alter von 55 Jahren nahm sie sich das Leben. Was soll man sagen angesichts des Schmerzes? Was soll man sagen, über eine Frau, die das Dasein nicht mehr ertrug? Keine leichte Aufgabe für einen Trauerredner.

Kein Stück Himmel

Eine große schlanke Frau mit blondem Haar steht bereits neben dem Podest, den Blick fest auf Sabine Schultzes Urne geheftet. Aber einen Talar trägt sie nicht. Birgit Janetzky** ist freiberufliche Trauerrednerin. Seit 1995 begleitet sie Bestattungen, unabhängig von Religions- oder Konfessionszugehörigkeit. Für 250 bis 350 Euro gestaltet die 40-Jährige den Abschied von den Toten – maßgeschneidert und individuell: Sie begleitet die Begräbnisse von Agnostikern und Atheisten, von Buddhisten oder Zeugen Jehovas. Wünschen die Angehörigen einen christlichen Rahmen, spricht die katholische Diplom-Theologin auch das  “Vater unser”. “Bei einer kirchlichen Bestattung gehört das einfach zum Ablauf dazu, aber ich frage da nach“, erklärt Janetzky. Darin sieht die Trauerrednerin den wesentlichsten Unterschied zwischen ihrer und der Arbeit eines Pfarrers. Denn schließlich will nicht jeder ein Stück Himmelreich.

In Sabine Schultzes Fall kam der Anruf an einem Dienstag. Einen Tag zuvor hatte sie sich das Leben genommen. “Haben Sie in den nächsten Tagen Zeit, Frau Janetzky?“, fragt der Bestatter. Über das Telefon kommt der Tod in das Haus der Trauerrednerin. Auch der erste Kontakt zu den Angehörigen läuft geschäftsmäßig über das Telefon: “Guten Tag, mein Name ist Birgit Janetzky.  Ich bin die Trauerrednerin. Ich würde gerne einen Termin für ein persönliches Gespräch vereinbaren.“ Der Ton ist nüchtern und sachlich. “Nein, ich kondoliere nicht”, sagt Janetzky bestimmt. “Schließlich kenne ich die Menschen nicht, ich kenne die Verstorbenen nicht, das wäre für mich ein vorgespieltes Beileid.“ Aber vor der Trauerfeier verharrt sie neben Sabines Schultzes silberner Urne in stummer Andacht.

Das reinigende Ritual
© maçka - aboutpixel.de

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14.30 Uhr. Das Ritual beginnt. In der Mörfeldener Trauerhalle herrscht noch immer Unruhe und Bewegung. Erst als Herbert Grönemeyers Lied “Der Weg” über Lautsprecher erklingt, scheint die Zeit in Bewegungslosigkeit zu erstarren. Für vier Minuten und dreizehn Sekunden fallen die Menschen zu harmonischen Klavierakkorden und sanften Streicherklängen vom Band in einen Dornröschenschlaf der Trauer. “Ich kann nicht mehr sehn, trau nicht mehr meinen Augen, kann kaum noch glauben, die Gefühle haben sich gedreht“, nimmt Birgit Janetzky Grönemeyers Liedtext in ihrer Rede auf und thematisiert das Unaussprechliche: den Suizid, die bange Frage der Angehörigen, ob er hätte verhindert werden können, die innere Zerrissenheit der Verstorbenen und die widerstreitenden Gefühle der Hinterblieben zwischen Wut und Verzweiflung. Leichenrede gleich Lügenrede? Ein Vorurteil.

In einer sportlichen schwarzen Lederjacke mit Pelzkragen, den Text in einer Mappe vor der Brust, steht die Trauerrednerin da. Wenn sie mit ihrer dunklen, tonlosen Stimme spricht, klingt das sachlich und doch warm, distanziert und doch nah. Auf ein gutes Verhältnis von Nähe und Distanz komme es bei einem Trauerredner an, so Janetzky. “Wenn ich in eine schwierige Familiensituation hineinkomme, darf ich meine eigenen Themen nicht in diese Familie projizieren, sondern muss den Abstand behalten, nur so kann ich Begleiterin sein.“ Ihren Beruf versteht sie als Dienstleistung am Grab, als Trauerbegleitung, die den Abschied angemessen gestaltet. Bei bis zu fünf Trauerfeiern pro Woche, muss sich die Betroffenheit schon aus Gründen der seelischen Gesundheit in Grenzen halten.

Eine Rede für die Lebenden

Die biographischen Details und eine Ahnung vom Wesen des Toten erarbeitet sich der Trauerredner im Vorgespräch mit der Familie. Bis zu zwei Stunden aktives Zuhören und gezieltes Nachfragen: “Ich habe bestimmte Absichten, nämlich Informationen zu bekommen für meine Ansprache.“ Deswegen kann Birgit Janetzky über Sabine Schultze wie von einer guten Freundin sprechen, weiß, dass sie ihre Kinder beim Einradfahren unterstützt hat und irgendwann ihr Leben nicht mehr als kostbares Gut empfand – und das, obwohl sie die Friseurin nie kennen gelernt hat.

“Sabine Schultze hat nicht mehr versucht, auf der Schussfahrt zu wenden.“ Wieder greift sie Grönemeyers Liedtext in der Trauerrede auf. Für Sabine Schultze war der Weg am 6. Oktober zu Ende. Birgit Janetzky weiß, warum die Frau sich das Leben nahm, weiß meist mehr über die Toten als viele Freunde des Verstorbenen. Doch ihre Trauerrede hält sie für die Lebenden. “Ich geh hier nicht weg, hab meine Frist verlängert, neue Zeitreise, offene Welt. Habe dich sicher in meiner Seele, ich trag dich bei mir bis der Vorhang fällt“, heißt es bei Grönemeyer. Damit schickt sie die Trauergäste zurück ins Leben und gibt ein Stückchen Hoffnung mit auf ihren Weg. Eine Minute der Stille und die Aufforderung, jetzt Abschied zu nehmen. Noch einmal Musik. “Time to say goodbye”, gesungen von Andrea Bocelli und Sarah Brightman. Das Ritual zeigt seine Wirkung: Taschentücher werden herausgekramt, der Damm ist gebrochen, die Tränen fließen – für manchen wohl zum ersten Mal. Gereinigt werden von Furcht und Leid, diese Funktion hat eine Trauerfeier auch. Noch ein Segensspruch, mit ausgebreiteten Armen, aber kein bisschen pastoral gesprochen. Nach dreißig Minuten ist die Zeremonie vorbei. Die Trauerrednerin setzt die Urne mit Sabine Schultzes Asche im engstem Kreis der Familie bei.

Lachen und Vergessen

Der nächste Termin: 16.30 Uhr in Wiesbaden. Birgit Janetzky steigt in ihren silberfarbenen Honda. Neben dem Rücklicht prangt ein Aufkleber mit der Aufschrift „BATF – Bundesarbeitsgemeinschaft Trauerfeier e.V.  Noch gebe es keine richtige Berufsausbildung für Trauerredner, erklärt sie, aber der Verein arbeite daran. Auf dem Beifahrersitz liegt ein aufgeschlagener Autoatlas, für eine Grabrednerin ein unerlässliches Utensil. Denn trotz der Arbeit am Text einer Grabrede hat ein Trauerredner alles andere als einen Bürojob. Birgit Janetzky ist permanent auf Achse, fährt von ihrem Haus in Linden bei Gießen kreuz und quer durch das Rhein-Main-Gebiet, erzählt sie, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt. Viele ihrer Aufträge bekommt sie aus Mainz, Wiesbaden und Rüsselsheim. “In Frankfurt, da habe ich mich in den elenden Einbahnstraßen immer verfahren“, sagt sie und hält abrupt vor einer roten Ampel. Deswegen arbeite sie lieber auf dem Land, aber auch, weil der Trauerrednermarkt in der Stadt einfach zu dicht sei.

“Ich bin nur einmal fünf Minuten zu spät gekommen“, sagt sie lachend. Lachen, das befreit in der Totenbranche ungemein. “Das Privatleben rankt sich um die Termine. Ich verabrede mich immer mit der Einschränkung: falls kein Auftrag kommt.“ Trauerredner sind im Grunde Einzelgänger, beschreibt Janetzky sich und ihre zumeist männlichen Kollegen, die nur untereinander, auf Tagungen oder Versammlung der Bundesarbeitsgemeinschaft völlig offen von ihrem Alltag erzählen können. Gerade dort werde am allermeisten gelacht, erzählt sie schmunzelnd. “Im Privaten stelle ich mich eher nicht mit meinem Beruf vor, sonst beantworte ich immer wieder dieselben Fragen“, sagt Janetzky und kurbelt in einer scharfen Kurve am Lenkrad. Dabei ist der Fundus der Geschichten, aus denen sie schöpfen kann, scheinbar unendlich.

“Ich bin ja schon immer froh, wenn der Bestatter mir sagt, dass es ein Suizid war. Ich bin einmal zu einer Familie gekommen, da wusste ich das nicht“, erinnert sie sich schaudernd. “Ich komme rein und sehe Ehefrau und Tochter mit blauen Flecken und denke noch: Was ist denn hier los?“ Dann stellte sich heraus, dass sie am Vorabend noch verprügelt worden waren von dem Mann. Und der hatte sich in der Nacht am Baum vor dem Haus aufgehängt. “Bis ich das damals erst auf der Reihe hatte, in so eine Familie reinzukommen …“, sagt sie kopfschüttelnd und mit bedeutungsvoller Pause. Auch an dieser Stelle lacht sie. Dieses mal voller Galgenhumor. Außerhalb der Friedhofsmauern werde im Fall eines Suizid niemand mehr begraben. “Heute ist die Armut die Grenze: Kein Geld, kein gescheites Begräbnis“, sagt Janetzky bedauernd. Bei Sozialbestattungen “ist nicht einmal eine Abschiedsfeier drin.“

Heitere  Geschichten sind eher rar. Einmal habe es bei einer Trauerfeier Musik von Vicky Leandros und Roger Whittaker gegeben, gleich fünf Schlager an der Zahl. “Das ist dann auch nicht so ganz meins: Abschied ist ein scharfes Schwert, das oft so tief ins Herz Dir fährt“, ruft sie sich den Text in das Gedächtnis zurück. Aber der Kunde ist schließlich König, “auch wenn er sich einen Walzer von André Rieu wünscht, weil der Verstorbene ihn so gerne gehört hat.“ Ausfahrt Wiesbaden-Sonnenberg. Vorbei an den Kurkliniken, hinauf zum idyllisch gelegenen Friedhof.

Letzte kleine Dinge
© aboutpixel.de - schoko-freak

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In der Trauerhalle am Hang haben sich vielleicht 50 Menschen aller Generationen versammelt. Stille. Selbst die kleinen Kinder schweigen heute. Denn Opa ist nicht mehr da. Das Foto des Verstorbenen vor dem Sarg zeigt einen freundlich dreinblickenden Mann. Einundneunzig Jahre wurde Wilhelm Klöckner* alt. Dahinter, mit orange-roten Herbstblumen übersät, die sich weich um die eckigen Konturen schlängeln, der Sarg. Wuchtige Kerzen spenden rechts und links davon freundliches Licht. “Lass das Leben schön sein wie Blumen im Sommer, und den Tod wie Blätter im Herbst“, sagt Birgit Janetzky, mit ruhiger Stimme. Der Anlass ist derselbe, die Trauerrede eine völlig andere. Janetzkys Text ist wie Musik, wie eine Komposition von rhapsodischer Kraft, aber sie wird nur einmal gespielt. Denn ihre Reden schreibt Birgit Janetzky immer wieder neu, schneidet sie jedes Mal individuell auf den Verstorbenen zu. Jeder seriöse Trauerredner mache das so. Wilhelm Klöckners Leben illustriert sie mit Goethes Gedicht „Kleiner Ring“.

“Er war ein Mensch, der den Reim liebte, der gerne draußen war, angelte und alte Radios reparierte: Das ist der kleine Ring an der Kette des Daseins, von dem Goethe spricht, nun hat die große Welle ihn verschluckt. Wilhelm Klöckner ist von der Zeit in die Zeitlosigkeit hinüber gegangen.“ Ein Teenager mit Pferdeschwanz wischt sich mit einem Tempo die Augen. In der Reihe davor schmiegt sich ein kleiner Junge, nicht älter als fünf, sechs Jahre an ein etwa zehnjähriges Mädchen.

Die Trauerrednerin weiß, wie man vom Tod und den Toten Reden macht. Und sie weiß von der Bedeutung der kleinen Dinge, weiß, wie der Satz “er reparierte Radios” ein Schmunzeln auf die Gesichter der Angehörigen zaubert. “Ich habe eine Spiegelfunktion“, sagt sie. Ein Trauerredner reflektiere das Bild, das die Angehörigen von dem Toten zeichnen, nehme das auf, was die Familie ihm schildert, oft auch in ihren eigenen Worten. “Es sind die Details, an denen sich die Erinnerung festmacht.“ Kleine Dinge wie Wilhelm Klöckners alte Kappe neben dem Sarg.

Noch ein kurzer Hinweis, dass alle Anwesenden zu Kaffee und Kuchen in die Gaststätte eingeladen sind und der Sarg bis zur Kremation in der Trauerhalle bleibt. Birgit Janetzky geht langsam zum Ausgang. Dort wartet sie, bis alle am Sarg Abschied genommen haben. Hände werden geschüttelt, Dankesworte gesprochen, die Trauerrede an die Angehörigen übergeben – auch so funktioniert Erinnerung. Danach zerstreut sich die Menschentraube, die sich inzwischen vor der Kapelle gebildet hatte, allmählich in alle Himmelsrichtungen.

© Andrea Amerland

* Name geändert

** Birgit Aurelia Janetzky gestaltet heute nur noch selten Trauerfeiern. Inzwischen coacht sie Berufsgruppen, die im Bereich Trauer, Tod oder Bestattung arbeiten. Mehr Infos zu Frau Janetzky finden Sie hier: http://www.fachberatung-trauerfeier.de/.


Kleiner Ring

Was unterscheidet
Götter von Menschen?
Daß viele Wellen
Vor jenen wandeln,
Ein ewiger Strom:
Uns hebt die Welle,
Verschlingt die Welle,
Und wir versinken.

Ein kleiner Ring
Begrenzt unser Leben,
Und viele Geschlechter
Reihen sich dauernd
An ihres Daseins
Unendliche Kette.

Johann Wolfgang Goethe

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