
Das Pony Lord
Mit 9 Jahren habe ich ihn kennen gelernt. Nach ein paar kurzen Reiturlauben auf einem traumhaften Hof in der Pfalz kam es dazu – ich weiß eigentlich schon gar nicht mehr wie – dass ich als Reitbeteiligung bei ihm anfing. Der kleine “Lord”, von allen nur liebevoll “Pony” genannt, hatte es teilweise faustdick hinter den Ohren. Von der Besitzerin Julia zunächst im Kreis longiert, durfte ich anschließend noch ein paar Runden frei reiten. Was für ein Gefühl!
Das dachte er sich wohl auch. Die Stange, die den Reitplatz verschloss, wurde schon mal geöffnet. Erst langsam beschleunigend, dann wie von einer Horde Wespen verfolgt, schoss er mit mir oben drauf aus dem Platz und schlug einen Haken Richtung Heimat. Nach etwa 50 Metern, in denen ich verzweifelt versuchte mich fest- und ihn anzuhalten, knallte er mit der Nase seitlich an einen Pfosten und ich landete auf dem Boden. Unbeirrt dessen, setzte er trabend seinen Weg nach Hause durch das gesamte Dorf fort und blickte nicht mehr zurück. Ich glaube, er hatte an dem Tag einfach keine Lust mehr auf Reiten.
Die schönste Zeit
Mir ging es allerdings nicht so und so kam es, dass ich die nächsten fünf Jahre fast durchgängig dreimal die Woche zu ihm ging. Ich lernte richtig reiten auf ihm, heulte mit 10 Jahren vor Stolz auf einem kleinen Turnier, bei dem ich mit ihm den zweiten Platz machte – und behauptete, ich hätte etwas ins Auge bekommen – und fetzte so schnell mit ihm durchs Gelände, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Einmal allerdings hatten wir es etwas übertrieben, denn ich war soviel mit ihm im Matsch herumgaloppiert, dass er mir beim in den Stall führen fast zusammenbrach. Ich holte mir einen ordentlichen Anpfiff von Julia ab und hatte das schlechteste Gewissen aller Zeiten, als ich zur Apotheke radelte und die rettende Salbe für seine überanstrengten Sehnen holte. Er entschädigte mich, indem ich mich zu ihm setzen durfte, während er völlig erschöpft in der Box lag.
Unendliche Ausritte, eine zuckersüße Ponyhochzeit, starkes Vertrauen und eine Form von Liebe, die wohl nicht jeder verstehen kann. Nach fünf Jahren war die Zeit gekommen, in der die Freunde plötzlich das überhaupt und ausnahmslos Allerwichtigste auf der Welt waren und so hörte ich irgendwann auf zu reiten. Ich blieb immer in Kontakt mit seiner Besitzerin, die für mich immer wie eine große Schwester war, und besuchte ihn immer wieder, um die alten Zeiten für kurze Sequenzen wieder aufleben zu lassen.
Nach dem Abi gab ich im inzwischen von Julia gekauften Stall ein Jahr lang Reitunterricht für Kinder, denen ich nun das Reiten auf ihm beibrachte. Selten setzte ich mich noch auf ihn, denn mit seinen mittlerweile 24 Jahren und seinen 1,26 Meter Stockmaß hatte ich auch als eher durchschnittskleiner Mensch das Gefühl, er könnte doch noch zusammenbrechen oder ich könnte beim Reiten mitlaufen. Ich sah ihn noch alle paar Monate und sagte Julia, dass sie sich bei mir melden soll, wenn es ihm schlecht geht.
Erstens kommt es anders – und zweitens als man denkt …
Als ich sie wiedersah, war es allerdings schon zu spät. Erst nach 6 Wochen erfuhr ich mehr oder weniger nebenbei von einer Freundin, dass er gestorben war. Ich hielt meine Tränen zurück und versuchte, nicht in einen schockartigen Zustand zu verfallen. Das gelang auch erstmal an diesem Abend. Auch beim Schlafengehen änderte sich nichts daran. Zwei Tage später saß ich im Auto auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Ab der Hälfte der Strecke heulte ich Rotz und Wasser. Ich heulte wie ein kleines Kind, weil ich mein Ponychen nicht mehr sehen konnte, ihn im vergangenen Jahr nicht mehr besucht hatte, nicht bei ihm gewesen war. Der Abend verlief weiter in sturzartigen Tränenausbrüchen. Ein paar Tage später besuchte ich Julia, da hatte ich mich schon beruhigt, sie auch, denn es war ja schon fast zwei Monate her. Sie erzählte mir noch mal die ganze Geschichte, wie er eine Woche Fieber hatte, wie er in alter Manier partout nicht in einem Hänger fahren wollte und mitten auf der Autobahn meinte, er müsse einen Zwergenaufstand proben.
Julia muss sich wohl alles umgedreht haben, als sie im Rückspiegel den Ponyhuf oben aus der Plane über dem Hänger rausgucken sah. Der weitere Weg konnte nur noch mit einem Beruhigungsmittel fortgesetzt werden. In der Tierklinik angekommen, sah er schon besser aus und fraß auch wieder. Eine Stunde später war er tot. Julia war bei ihm. Nach zwanzig Jahren Treue musste sie Abschied nehmen. In ihrem Badezimmer hängt ein Stück von seinem Schweif, das sie danach abgeschnitten hat. Was bleibt, sind die vielen Erinnerungen und vor allem für immer ‚das Pony’ im Herzen – da sind wir uns beide einig. Ich werde ihn nie vergessen.
* 04.06.1982
† 19.09.2008





















Eine rührende Geschichte, bei der ich sofort an Billy denken musste. Billy war das Pony, was unser Vater eines Tages mitbrachte. Leider war Billy sehr störrisch und duldete uns nicht auf seinem Rücken, so wurde ich das erste mal in meinem Leben unsanft von einem Pferderücken geschmissen. Dennoch liebten wir Billy, der fortan auf einer Weide stand und nur von sich Reden machte, weil er ständig eine Lücke im Zaun fand, um auszubüchsen. Eines Tages wurde er sogar an einer Tankstelle aufgegriffen. Irgendwann wurde Billy verkauft, ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist – und das finde ich sehr traurig.