
"Lange Anna" auf Helgoland - © Andrea Amerland
Ich wusste nicht viel von dieser kleinen Insel weit draußen in der Nordsee. Lediglich, dass Hoffmann von Fallersleben auf der damals noch britischen Insel Helgoland im politischen Exil das “deutscheste aller Lieder”, den Text unserer Nationalhymne schrieb, war mir aus der Schule noch bekannt. Von der “Langen Anna”, dem Wahrzeichen Helgolands, hatte ich Bilder gesehen. Mehr nicht. Und doch übte dieses Eiland seit jeher eine große Anziehungskraft auf mich aus. Im Jahr 2005 brach ich schließlich nach Cuxhaven auf, um von dort mit der MS Wappen von Hamburg nach Helgoland überzusetzen. Wie schwer mir der Abschied von dieser Insel wenige Tage später fallen würde, ahnte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Schifffahrt nach Helgoland - © Andrea Amerland
Es war im Oktober, als ich mit dem Schiff nach Helgoland fuhr. Ich hatte mich bewusst für einen der alten Pötte, einem alten Bäderschiff entschieden und nicht für den schnelleren Katamaran oder das Flugzeug. Lange Zeit konnte ich mich nicht vom Schiffsbug lösen, obwohl der Wind trotz der Sonne kalt blies. Erst als das Bibbern nicht mehr zu kontrollieren war, suchte ich mir auf dem Seitendeck einen sonnigen Sitzplatz zwischen den vielen Sonnenhungirgen, die bereits die Herbstsonne in vollen Zügen genossen. Rund 2,5 Stunden dauerte die Fahrt, die allein schon Erholung pur bietet. Zu den Besonderheiten gehört das so genannte “Ausbooten”, eine wacklige wie spaßige Angelegenheit. Wer mit dem Dampfer nach Helgoland anreist, legt nicht direkt am Pier an, sondern muss in ein kleines Boot umsteigen, dass einen auf die Insel bringt. Die Schiffmannschaft greift einem beim Umsteigen unter die Arme, damit niemand ins Wasser fällt.
Ankommen in einer anderen Welt

Helgoland-Möwe © Andrea Amerland
Ich wohnte auf dem Unterland gleich neben der Promenade und den Landungsbrücken. Noch nie war ich dauerhaft dem Meer so nah gewesen. Vom Zimmer zu den Möwen und den Wellen waren es nur wenige Meter. Als ich im Reiseführer blätterte, stieß ich gleich auf ein Zitat von Hoffmann von Fallersleben über seine Helgoland-Erfahrungen. “Der Anblick der See war mir nichts Neues, aber neu, dass ich nun selbst mitten darin war, nichts sah als Wasser und Himmel.” Wie sehr dieser Satz auch meine Gefühle während des Inselaufenthaltes widerspiegelte, begriff ich erst bei den folgenden Rundgängen auf dem Klippenwanderweg. Rund 70 Kilometer vom Festland entfernt, gibt es keine Gezeiten. Das Meer umschließt das Eiland 24 Stunden lang. Egal, wo man sich befindet, ob auf dem Unter- oder Oberland, beinahe überall hat man einen Blick auf das wogende Meer, das dort Leben ist. Bei der überschaubaren Größe Helgolands ist das auch kaum verwunderlich: Die “Hauptinsel” hat eine Größe von rund einem Quadratkilometer, die benachbarte Badedüne, auf die man nur mit dem Boot übersetzen kann, eine Größe von 0,7 Quadratkilometern.
Leinen los: Die Rückkehr

Ausbooten - © Andrea Amerland
Der Rhythmus auf der Insel wird von anlegenden und abfahrenden Schiffen bestimmt. Helgoland ist ein Ausflugsziel, das vor allem Tagestouristen ansteuern, zum einen, weil sie zollfrei einkaufen wollen, zu anderem, weil sie sich vielleicht auch einen dauerhaften Aufenthalt auf dem Kleinod im Meer nicht zutrauen. Was hat einem so ein Insel-Winzlig auf dem ersten Blick an Attraktionen schon zu bieten? Aus der Erfahrung weiß ich, dass es das Gefühl der Entschleunigung, der Weite und Freiheit ist, was Helgoland für mich so faszierend macht. Okay – es ist auch ein Paradies für Heuschnupfengeplagte, denn Pollen gibt es so weit draußen in der Hochsee nicht. Aber das ist viel zu pragmatisch und funktionalisiert gedacht.
Als ich bei der Abreise vom Boot in den Dampfer stieg, war ich traurig. Sehr schnell hieß es dann “Leinen los”. Das Schiff legte ab. Helgoland wurde immer kleiner. Dann gab es nur noch das offene Meer und die Gewissheit, dass ich zurückkehren werde. Im Zug nach Hause hatte ich das Gefühl, dass das alles um mich herum gar nicht real wäre: Die Fahrscheinkontrolle, der Blick auf die Uhr, um zu prüfen, ob der Anschluss noch erreicht wird, das Umsteigen vom Bummelzug in den ICE, die Ankunft zuhause, das Leeren des Briefkastens und der Ausblick, wenige Tage später wieder in einer Nachrichtenredaktion zu arbeiten – schnell, effizient, zuverlässig und immer mit Blick auf die Besucherzahlen des Online-Angebotes. Ich kehrte zurück in eine Welt, die mir inzwischen fremd geworden war und an die ich mich zunächst wieder gewöhnen musste. Geblieben sind die Bilder vom Meer, von den herbstlichen Sonnenuntergängen, vom besonderen Licht, das Gefühl von Wind auf meiner Haut, einfach die Erinnerung an eine Zeit, die ich nicht missen möchte.




















