
Stephen Levine: Noch ein Jahr zu leben
Der amerikanische Meditationslehrer Stephen Levine, der u.a. mit Elisabeth Kübler-Ross an verschiedenen Sterbehilfe-Projekten arbeitete, hat sich mit diesem Thema befasst und dazu ein Buch geschrieben: “Noch ein Jahr zu leben – Wie wir dieses Jahr leben können, als wäre es unser letztes”. Er begleitet die Leser/innen durch zwölf Monate bis zu einem selbst festgelegten, imaginären Todesdatum. Das ist sehr spannend zu leSen, noch spannender zu leBen. Ich ließ mich darauf ein, es auszuprobieren und stand vor vielen faszinierenden Fragen und Erfahrungen.
Was tu ich, wenn ich weiß: heute in einem Jahr verlasse ich diese Welt?
So weiterleben wie bisher?
Etwas ändern?
Und was genau?
Womit bin ich zufrieden in meinem Leben bisher, was fehlt?
Gehe ich weiter zur Arbeit, wenn ich welche habe?
Womit verbringe ich meine Zeit und warum?
Was will ich unbedingt tun?
Bestimmte Menschen treffen, bestimmte Orte sehen, bestimmte Erlebnisse haben?
Was will ich ganz sicher nicht mehr machen, weil es meine Zeit vergeudet?
Viel Zeit verstreicht wie bisher, weil es noch soooo lange hin ist bis zu DEM Tag.
Und wie ändert sich meine Entscheidung, wenn es dann nur noch sechs Monate, vier Monate, zwei Monate sind?
Bekomme ich Panik?
Werde ich neugierig?
Ändert sich etwas an meinem Umgang mit materiellen Dingen?
Werde ich sehr vernünftig, weil ich keinen Nerv mehr für Nichtigkeiten habe, oder schlage ich mal so richtig über die Stränge und fühle mich befreit?
Der Abschied setzt ein.
Plötzlich viel bewusster spüren, wie die Zeit vergeht.
Daran denken, dass ich diesen meinen Körper bald nicht mehr erlebe.
Wenn ich dies oder das noch machen will, muss ich es JETZT tun.
Und dann … die letzte Woche.
Immer mehr Dinge, von denen man weiß: das ist nun “das letzte Mal”,
dass ich diese Straße entlanggehe und die Leuchtreklame sehe,
zum Handball gehe,
mit meiner Freundin telefoniere,
einen Döner esse.
Wie ist das, sich so ernsthaft wie möglich vorzustellen:
- ich werde nie mehr daran denken müssen, neues Shampoo zu kaufen
- nicht mehr erleben, wie der Schnee fällt und der Verkehr zusammenbricht
- nicht mehr erleben, dass dieser Halbmond zum Vollmond wird
- mich nie mehr über meinen Bruder ärgern
- jetzt bin ich doch nicht in Südamerika gewesen! Wollte ich doch immer…
- wenn der neue James-Bond-Film in drei Wochen in die Kinos kommt, werde ich schon nicht mehr da sein
- das Familienfest in zwei Monaten interessiert mich überhaupt nicht mehr
- alle Züge der Welt fahren in Zukunft ohne mich
- in meiner Wohnung lebt bald jemand anderes
- ….
Und der letzte Tag.
Sich so konzentriert wie möglich vorstellen, es wäre wirklich der allerallerletzte Tag.
Die allerletzte Stunde.
- Vorbei.
Mutig. Ein bisschen verrückt.
Aber paradoxerweise sehr sehr lebendig.
Und ein bisschen wie neu geboren werden, wenn es dann doch wieder einen neuen Tag gibt, wenn das Leben weitergeht.
Es gibt ein Leben nach dem Abschied.





















Ein wunderbarer Beitrag, der sehr zum Nachdenken anregt. Ich werde ihn gerne weiter empfehlen.
Vor allem der letzte Absatz :
“Mutig. Ein bisschen verrückt.
Aber paradoxerweise sehr, sehr lebendig.
Und ein bisschen wie neu geboren werden, wenn es dann doch wieder einen neuen Tag gibt, wenn das Leben weitergeht.”
- hat mich tief beeindruck … denn auch eine neue Einstellung zum Leben ist ein “neu geboren werden”.
Es ist jetzt ca. 7 Jahre her, dass ich das gemacht habe, und es war eine gute Erfahrung. Ich kann mir sogar vorstellen, das in ein paar Jahren zu wiederholen und zu sehen, ob sich mit seither eingetretenen Veränderungen und gewachsener Lebenserfahrung Wahrnehmungen und Einstellungen verändert haben.