Den Abschied üben? – Den Abschied üben! 1. Teil

Es gibt einen schönen Song auf Heinz-Rudolf Kunzes CD “Halt” von 2001, da geht es um den Abschied, wenn jemand verstirbt. Wer ihn nicht kennt, stelle sich eine ruhige, balladenhafte Melodie vor. Hier schon mal der Text:

Abschied muß man üben

Keinen Tag verschenken
es kann der letzte sein
jede ungelebte Stunde
wirst du noch bereun
jeder Sonnenuntergang
färbt die Erde rot
wir sitzen vor dem Wasserfall
im selben lecken Boot

Wenn ich euch mal loslass
dann nicht von ungefähr
Abschied muß man üben
sonst fällt er viel zu schwer

Niemand weiß den Zeitpunkt
ist auch besser so
niemand würde sonst des Lebens
halbwegs Herr und froh
viele die du gern hast
müssen vor dir gehn
wenn du wirklich trauern kannst
bleiben sie bestehn

Denkt an mich dort drüben
fehlt mir nicht so sehr
Abschied muß man üben
sonst fällt er viel zu schwer

Sterben ist die Brücke, deren Weite keiner kennt
geh hinaus ins Licht, das nur, wer hier bleibt, Dunkel nennt
alles was uns trösten kann, ist die Erinnerung
jeder steht dem Schluß gleich nah, egal ob alt ob jung

Ende soll auch Anfang sein
nichts wünsch ich mir mehr
Abschied muß man üben
sonst fällt er viel zu schwer

Wenn ich euch mal loslass
dann nicht von ungefähr
Abschied muß man üben
sonst fällt er viel zu schwer

Soweit Heinz-Rudolf Kunze. Abschied üben, bewusst leben. Den Ernstfall nutzen für weitere Abschiedsgelegenheiten – sie werden nicht ausbleiben.

Und kann Abschied auch geübt werden, solange noch gar nichts passiert ist?

Ist es nicht schon schrecklich genug, wenn er tatsächlich eintritt, besonders im Todesfall?

Neulich lief auf arte die Dokumentation “50 Jahre Liebe!” von Karen Slater und Steven Bartlo, in der vier Ehepaare auf vier Kontinenten vorgestellt wurden, die schon seit vielen Jahrzehnten zufrieden zusammen lebten. Da berichtete die betagte holländische Ehefrau, sie habe vor Kurzem eine mehrwöchige Fernreise ihres Mannes genutzt, um zu üben, wie es sein wird, wenn er möglicherweise vor ihr stirbt.

Finde ich mutig. Ein bisschen verrückt auch.

Wenn ihr Mann tatsächlich gestorben ist, wird es sicher ganz anders sein als sie es übte, aber vielleicht nicht mehr ganz so erschreckend. Dann weiß sie schon ein wenig, was sie tröstet, was sie hält, wie sich das Alleinsein anfühlt.

Auch wenn dann keine Postkarte mehr kommen wird.

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Ein Kommentar

  • Meike-Christine Böger Meike-Christine Böger

    Ich glaube man kann den Abschied üben, indem man ihn am Leben teilhaben lässt – ihn nicht ausgrenzt und verdrängt. Sich eingesteht traurig zu sein, wegen eines Abschieds.

    “Traurigkeit ist etwas Natürliches. Sie ist das Atemholen der Freude.”
    (Paula Modersohn-Becker)

    Und so ist es, wenn man es zulässt, man sammelt neue Kraft und Freude am Leben.

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