… unpopulär

Anfang und Ende

© Marem - Fotolia.com

“Aller Anfang ist schwer” – sagt man. Mag sein, das Ende jedoch ist erst recht unpopulär. Diesen Eindruck bekommt man jedenfalls, wenn man vergleicht, welch ungeheure Aufmerksamkeit und Fantasie in der Regel mit Anfängen von Etwas verbunden werden, und wie wenig dagegen mit dem Ende des gleichen Ereignisses, also dem Abschied.

Nehmen Sie eine Urlaubsreise. Wer kennt nicht die Aufregung und langfristige Vorbereitung vor dem Hinflug. Wer aber bitte schön macht sich lange Gedanken über den Rückflug? Im Hotel angekommen, serviert man Ihnen gelegentlich einen Begrüßungs-Cocktail. Wem ist dagegen schon mal bei der Abreise etwas zu trinken angeboten worden?

Dieses Beispiel mag banal sein, aber es zeigt, dass Abschieden in unserer Gesellschaft offenbar weniger Bedeutung beigemessen wird. Es lassen sich beliebig viele weitere Beispiele finden: Wie viel Zeit und Energie fließen in die Berufsvorbereitung? In aller Regel gehen dem Berufsstart langjährige Ausbildungswege voraus. Wie wenig wird dagegen das Ende des aktiven Berufswegs – der Ruhestand – vorbereitet. Auch Kündigungen – egal von Arbeitnehmer oder Arbeitgeber veranlasst – werden nicht zelebriert wie Einstände. Meist verschwindet der Betroffene von einem Tag auf den anderen, nur vom engsten Kreis der Kollegen überhaupt bemerkt, über die Umstände muss spekuliert werden.

Ein Plädoyer für Sterbevorbereitungskurse

Mit welcher Hingabe verbringen werdende Mütter und  zunehmend auch Väter ihre letzten freien Abende in Geburtsvorbereitungskursen, um sich auf die Ankunft ihrer Sprösslinge einzustellen. Wie selten beschäftigen sich dagegen die Kinder zur rechten Zeit mit dem Ableben ihrer Eltern. Von “Sterbevorbereitungskursen” hat noch kaum jemand gehört. Wie viele Fernsehshows widmen sich der Talentsuche bzw. dem Casting von zukünftigen Superstars. Gibt es eigentlich auch Sendungen die sich mit dem Karriere-Ende beschäftigen? Der überwiegenden Mehrheit der christlichen Bevölkerung dürfte die Schöpfungsgeschichte sehr vertraut sein. Welcher durchschnittliche Christ, der sich also nicht gerade beruflich damit befasst, könnte hingegen die konkreten biblischen Vorstellungen zum Weltuntergang nacherzählen?

Wie viele Menschen freuen sich auf den Frühling, wie wenige dagegen auf den Herbst? Welche mediale Aufmerksamkeit erhält die Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Barack Obama oder der deutschen Kanzlerin Angela Merkel, wer kennt dagegen die Rituale der Verabschiedung aus dem Amt? Wie viel Rücksicht wird genommen auf die Begleiterscheinungen der Pubertät, also dem Beginn der Geschlechtsreife. Wer außer Ärzten hat hingegen Verständnis für die Beschwerden der Wechseljahre?

In der Rückschau liegt ein Wert

Warum befasst sich der Mensch im Allgemeinen lieber mit Anfängen als mit Abschieden? Warum wird das Ende verdrängt, vernachlässigt oder verzögert? Abschied steht immer hinten an, ist immer nachgelagert, nicht nur bezogen auf die logische Reihenfolge, sondern auch bezogen auf die Intensität der Wahrnehmung. Im Anfang liegt offensichtlich so viel mehr positive Energie, Leidenschaft, Hoffnung und Erwartung, während die Beschäftigung mit dem Ende den Melancholischen, Depressiven oder zumindest Pessimisten vorbehalten bleibt. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass sich ein Anfang in der Regel genauer terminieren lässt, während das Ende häufig schicksalhaft über einen kommt.

Oberflächlich betrachtet könnte man meinen dieses Verhalten sei gesund. Warum soll man sich mit vergangenen, eventuell schmerzhaften oder zumindest traurigen Dingen ohne Not belasten. Jeder beschäftigt sich lieber mit angenehmen Dingen, das ist einfacher und man hat vermeintlich noch alle Optionen offen. Doch auch in der Rückschau liegt ein Wert. Die kritische Beschäftigung mit dem Gewesenen birgt die Chance, dazuzulernen, es das nächste Mal bewusst anders, besser oder doch wieder genauso zu machen und sich mit der Vergangenheit zu versöhnen. Noch wirksamer als die reine Rückschau ist eine gelegentliche Zwischenbilanz, also eine rechtzeitige Auseinandersetzung mit dem näher kommenden Ende. Dies gäbe Gelegenheit zur Kurskorrektur, etwas anzupacken bevor es zu spät ist. Dies findet allerdings noch viel zu selten statt: im Berufsleben, in Partnerschaften, im Leben allgemein.

Es wird niemanden überraschen, dass nun auch dieser Beitrag unvermittelt endet …

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